Feminismus. Nein? Doch! Orrrrrr!

Achtung, dies ist ein Rant. Wie alle Rants, so ist auch dieser höchst subjektiv, polemisch, etwas aggressiv und enthält kleine moralinsaure Stückchen. 

Ich habe so meine Probleme mit Feminismus. 

Mit weißem Feminismus. Mit cisFeminismus. Mit sexnegativem Feminismus. 

Ach, eigentlich habe ich mit extrem exkludierendem Verhalten überhaupt so meine Probleme. 

In meinem Soziologiestudium habe ich mich sehr viel mit feministischer Theorie befasst. Mir sind die Grundzüge, Historie und Auswirkungen bekannt. Ich verfolge gespannt Alice Schwarzers Kampf gegen die SexarbeiterInnen und frage mich, wann und wie genau sie zum Flagschiff des Feminismus werden konnte. Und warum das nicht aufgehalten wurde.

Genug von Alice. Anlässlich des Hashtags #womenagainstfeminism wurde mir mal wieder deutlich, das Feminismus nicht für alle ist. 

Und damit habe ich das größte Problem. Frauen*, die Entscheidungen von Frauen nicht akzeptieren, die ihnen absprechen, Feministinnen zu sein, sie beschimpfen und herabwürdigen: Sorry, das ist nicht mein Feminismus. 

Frauen entscheiden sich für die Karriere, die Kinder, beides, drehen Pornos, kämpfen dagegen, bieten Sexdienstleistungen ab, lehnen Sexdienstleistungen ab, heiraten oder auch nicht, Frauen oder Männer, bekommen Kinder oder nicht, tragen Kopftuch oder Jesuskreuz, vielleicht auch Chthulu oder den roten Apfel. Sie sind laut und leise, dick und dünn, meinungsstark und meinungsschwach. 

Und wenn eine von diesen Frauen sich dafür entscheidet, sich dafür einzusetzen, dass Männer und Frauen gleichberechtigter werden, dann verdammt nochmal, ist sie eine Feministin. (Auch Männer können Feministen sein. Keine Allys. Feministen. )

Und keine Frau hat das Recht, einer anderen dies abzusprechen. 

Treffen diese Frauen Entscheidungen, mögen sie auch unpopulär sein, so haben wir sie doch zu akzeptieren! Und nicht zu hinterfragen, oder einer ganzen Gruppe Frauen (zB Muslima die sich für das Kopftuch entschieden haben) ihre Selbstwirksamkeit abzusprechen. DAS ist antifeministisch! 

Wir können nach dem Warum fragen, es ergründen und in diese Richtungen arbeiten. Aber wir haben es verdammt nochmal zu akzeptieren! 

Und wenn im Netz, so etwas wie der eben erwähnte Hashtag auftaucht, dann täte der Feminismus ™, also wir, gut daran, etwas Selbstreflexion an den Tag zu legen. 

Warum haben diese Frauen das geschrieben? Warum steht nicht ein (oder habe ich nicht alle Schilder gesehen?) direkt antifeministischer Satz drauf? „Mein Mann liebt mich“ oder „Ich bin kein Opfer“ sind erstmal keine antifeministischen Aussagen. Warum fühlen sich diese Frauen durch ihre Lebensweise nicht vom Feminismus angenommen? 

Kann es sein, dass wir uns in unserer gemütlichen Filterbubble aufhalten und gar nicht mitbekommen, wie und welcher Feminismus in die Gesamtgesellschaft getragen wird? So sehr, dass man Genderwissenschaften für überflüssig hält, weil man ja nun die Diversity hat? 

Die Frauen hinter diesen Schildern haben Geschichten und Gründe. Über diese müssen wir reden. Nicht die Frauen abwerten. 

P.S Liebe Masku´s, Männerparteiler und unangenehme Körperöffnungen, retweetet mich meinetwegen, aber glaubt ja nicht, dass ich eure Scheiße auch nur annähernd unterstütze.

*Ich schreibe hier von Frauen und Männern. Selbstverständlich betrifft Diskriminierung und Sexismus nicht nur diese, sondern auch die gesamte Vielfalt von Menschen. 

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28 Gedanken zu “Feminismus. Nein? Doch! Orrrrrr!

  1. Der Feminismus ist so ein weites Feld, dass es gar nicht genug Artikel dafür, dagegen oder neutraler Natur geben kann, denke ich. Ich mag mich so doll auch nicht in die Thematik einmischen, aber ich teile bisweilen deine geäußerte Ansicht.
    Was ich überdies ganz furchtbar finde, ist die Art von feministischer Frau, die Männern konsequent jedes Recht einer Meinungsäußerung zur Thematik “Frau” im Allgemeinen abspricht und sich bestenfalls noch so sehr hinter ganz vielen Studien und Artikeln vermauert, dass sie die Realität völlig verkennt.
    Aber das führt nun wohl auch wieder zu weit.
    Wir brauchen Feminismus. Wir brauchen den Schutz von Frauen in jeder Gesellschaft und Kultur. Und was wir nicht brauchen, sind Frauen, die gegen einander agieren.
    Eigentlich brauchen wir generell keine Menschen, die gegen einander agieren.

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  2. Der Begriff Feminismus ist doch schon geschlechterspezifisch, kann also gar nicht Gleichberechtigung sein. Ausserdem wird das durch den heutigen F. von Radikalen eh ad absurdum geführt und die Männer benachteiligt.

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      1. Sorry, aber gerade bei *dem* Thema sollte man Wikipedia nicht lesen. Sonst auch nur im Notfall, aber alles, was annähernd mit Feminismus zu tun hat ist in der Wikipedia verseuchtes, durch einen Trupp von drei bis vier extremfeministischer Ideologen beiderlei Geschlechts versautes Gebiet (Nachweisbar, etwa hier: http://mundd.wordpress.com/2014/07/27/women-against-feminism-in-der-deutschen-wikipedia/ ). Wikipedia zu empfehlen, um sich aus neutraler Quelle über das Thema Feminismus zu informieren, ist in etwa so, wie zu empfehlen den Katechismus zu lesen, wenn man ein paar neutrale Informationen über die katholische Kirche haben möchte.

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      2. Wikipedia zu lesen kann eine Basis sein. Der erste Satz handelt von Gleichberechtigung. Das ist doch schon mal was

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  3. Sehr schöner Artikel. Besonders deine Aussage, dass auch Männer Feministen sein können. Ich kann es aber nachvollziehen, wenn Frauen es nicht gut finden, wenn Männer sich zu feministischen Themen äußern. Das schlägt schnell in eine Richtung des benevolenten Mannes, der die Frauen aus der Ungleichheit “errettet”.

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    1. Denen kann man dann ja immer noch die Grenzen aufzeigen. 🙂
      Mir ist bewusst, dass der Feminismus den ich gerne hätte, sehr viel komplexer und anstrengender ist. Aber Komplexreduzierungen sind bei Diskriminierungen nunmal fehl am Platz.

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    2. Sehr schöner Artikel. Besonders deine Aussage, dass auch Männer Feministen sein können.
      Das ist richtig. Auch für ……

      *edit* Wer sich im Tonfall vergreift, brauch nicht hoffen, damit durchzukommen. gez. Vrouwelin.

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  4. Ich sehe bei der Aktion auch vor allem Plakate mit sehr individuellen, emotionalen Statements, die kaum antifeministisch sind. Die nur sagen: ich möchte nach meinen Prioritäten leben, meinen Wünsche folgen und meine Bedürfnisse befriedigen.
    Eigentlich sollte das kein Problem sein zu sagen: Ich höre auf mein Herz und nicht auf irgendwelche Leute, die mir sagen, was richtig und was falsch ist.
    Für mein Gefühl wollen die, die da virtuell demonstrieren, nur aussagen, dass sie sich vom Feminismus kritisiert fühlen für die persönlichen Entscheidungen, die sie treffen. Und dass sie deswegen sagen: Feministinnen, ihr könnt mich mal, ich komme auch gut ohne euch aus.
    Aus meiner Warte heißt das noch lange nicht, dass sie die Welt von vor 100 Jahren wieder haben wollen, was die Geschlechterverhältnisse angeht!
    Aber ich kann auch verstehen, dass Feministinnen bei so einem allgemeinen Anti-Hashtag nicht anders können als stellvertretend für alle großen Feministinnen der Geschichte traurig, wütend oder außer sich zu sein und Fuhren von Spott und Herablassung auszuschütten.
    Ich muss sagen, ich kann beide Haltungen gut verstehen.
    Ich denke aber: vielleicht unterscheiden sich die Frauen, die da grad bei Twitter aufeinander einhacken nur in einem Punkt. Nämlich wie sie damit umgehen, dass es Strömungen des Feminismus gibt, die einen abstoßen und die nicht zu einem passen.
    Die einen konnten sich mit dem, wie sich Feminismus für sie darstellt, nicht identifizieren, haben abgewunken und schreiben unter #womenagainstfeminism.
    Die anderen haben sich eine der vielen andere Strömung gesucht, die besser zu ihnen passt, und schreiben unter #womenforfeminism.
    Jedenfalls wäre meine These: Beide Frauengruppen unterscheiden sich wahrscheinlich kaum, wenn man eine objektive Messung machen würde, wie sie leben.

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    1. Empirisch betrachtet unterscheiden sich die Lebensstile sowieso hauptsächlich nach Milieu und nicht nach „Feminismussorte“. Was ja der weiße Mittelstands Feminismus gern übersieht.

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  5. Feminismus ist mir zu kompliziert. Zu aggressiv. Zu… Meine Güte, ich hätte da gerade faschistisch geschrieben. Aber das alles kann man nicht verallgemeinern, das wäre unfair. Aber: Deshalb finde ich Feminismus zu kompliziert.
    Ich setze mich für Gleichbehandlung ein. Unabhängig von Gedchlecht, Rasse, Hautfarbe, Religions- und Gemeinschaftszugehörigkeit. Ich schränke da nur nach persönlichem Empfinden ein. Wen ich nicht mag, den mag ich halt nicht. Find ich okay.
    Ich hab keine Ahnung was mich das jetzt macht, einen Feminist? Eine Feministinnen? Ein MaskuwasweissichderGeierwas-tor? Ich finde ich bin ein vernünftig denkender Mensch.
    Die Hälfte der Begriffe, die du in deinem Post benutzt hast, habe ich nicht verstanden. Aber zwischen den Zeilen lese ich was du meinst und das klingt vernünftig.

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    1. Hallo Momo, die unverständlichen Worte sind eine SoziologInnenkrankheit, ich versuche mich da zu bessern, aber manchmal rutscht mir mein „Slang“ doch so raus. Wenn du Fragen hast, beantworte ich sie dir natürlich gerne.

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  6. Naja. Ich kann nachvollziehen, dass man sich von “Feminismus” distanzieren will, dessen Vertreter einem direkt mit dem nackten A… ins Gesicht springen, sobald man z. B. auch nur ein Binnen-I vergisst. Oder die gleich “CIS! BLABLUBB! PRIVILEGIENCHECKEN! DU MASKU” brüllen, wenn man sich als Mann nicht permament selbst geißelt. Sie sind zwar nicht in der Überzahl, aber sie sind nun mal leider die Lautesten, und somit auch die, die am ehesten bemerkt werden und das Bild des Feminismus in der weniger interessierten Öffentlichkeit prägen.
    Genau wegen solcher Kandidaten halte ich mich von den meisten Feminismusdebatten auch lieber fern. Ich möchte weder mit sowas zu tun haben, noch mit solchen “Radikalen” in Verbindung gebracht werden.
    Jedoch war der Hashtag überhaupt nicht gut gewählt, weil viel zu allgemein. Dass das zu Missverständnissen und Unverständnis führen würde, war unvermeidlich. Leider keine gute Grundlage, um seinen eigenen Standpunkt verständlich zu machen. Sehr schade.

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  7. IMHO sind viele “Rezeptionsschwierigkeiten” des dritte-Welle-Feminismus mit dem Unterschied zwischen den beiden Strömungen des Gleichheits- und des Differenzfeminismus verbunden. Was sagst Du dazu?

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    1. Ich denke, das ist und wird immer das Kernproblem des Feminismus sein, diese Strömungen in sich zu vereinen und daraus eine starke und laute Basis zu schaffen. Ich sehe da auch keine gute wirkliche Lösung, auch wenn ich eine Egalisierung im humanistischen Sinne bevorzuge. Selbes Paradox haben wir mit der Diversität, Unterschiede benennen ohne sie zu dämonisieren. Ich bin gespannt was auch die Forschung dazu in den nächsten Jahren liefert.

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  8. „Kann es sein, dass wir uns in unserer gemütlichen Filterbubble aufhalten und gar nicht mitbekommen, wie und welcher Feminismus in die Gesamtgesellschaft getragen wird?“

    Ich verstehe es nicht. Du hast Empathie mit den Frauen gegen Feminismus. Und Du findest, dass man mit ihnen reden, ihnen zuhoeren sollte.Und ich denke, da sind wir schon mal auf halber Wegstrecke. Was die so sagen, das sagen wir auch. Also zB ich. Aber dann lese ich Dein PS. Ja, ich bin ein „Masku“, ein Maennerparteiler. Ich sage eigentlich auch nur, das was diese Frauen auch sagen. Aber Du beschimpfst mich als Arschloch?

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  9. Sehr schöner Artikel. Kurios sind allenfalls diese beiden Stellen:
    “Und wenn eine von diesen Frauen sich dafür entscheidet, sich dafür einzusetzen, dass Männer und Frauen gleichberechtigter werden, dann verdammt nochmal, ist sie eine Feministin.”
    Mit anderen Worten: Maskulisten, die fehlende Rechte und Benachteiligungen von Männern anklagen, sind auch Feministen. Das wird sie wundern, ist aber doch eine schöne, inklusive Geste: “Ihr gehört zu uns, wir verstehen euch und stehen hinter euch.”
    Das tut gut.
    Im PS. werden diese Feministen dann allerdings gleich wieder ausgeschlossen:
    “Liebe Masku´s, Männerparteiler […] glaubt ja nicht, dass ich eure Scheiße auch nur annähernd unterstütze.”
    Das scheint mir in sich widersprüchlich, aber vielleicht verstehe ich auch nur eines der Wörter nicht richtig.
    Vermutlich ist es: “gleichberechtigter”.
    Das scheint auf den ersten Blick zu sagen: “A soll alle Rechte haben, die B hat und B soll alle Rechte haben, die A hat.”, aber vermutlich bin ich da naiv.

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  10. “Kann es sein, dass wir uns in unserer gemütlichen Filterbubble aufhalten und gar nicht mitbekommen, wie und welcher Feminismus in die Gesamtgesellschaft getragen wird? So sehr, dass man Genderwissenschaften für überflüssig hält, weil man ja nun die Diversity hat?
    Die Frauen hinter diesen Schildern haben Geschichten und Gründe. Über diese müssen wir reden. Nicht die Frauen abwerten. ”
    Das finde ich einen sehr guten Ansatz. Gerade eine Filterbubble kann sehr schnell dazu führen, dass man den Kontakt zu anderen Meinungen verliert.
    Ein großer Einwand scheint mir ja zu sein, dass die Frauen nicht als Opfer patriarchischer Gesellschaften / hegemonialer Männlichkeit gesehen werden wollen, sondern ihre Wahl sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, als eine logische und insoweit richtige Entscheidung ansehen. Sie haben also das Gefühl, dass Feminismus bestimmte Entscheidungen, etwa für Familie als fremdbestimmt oder verinnerlichten Sexismus ablehnen.
    Ein weiterer Einwand scheint mir zu sein, dass man sich auch generell nicht in einer von Männern oder Geschlechterrollen bestimmten Welt sieht, sondern davon ausgeht, dass Frauen die Gesellschaft aktiv mitgestalten und darin also nicht Opfer der Umstände sind. Das geht in die gleiche Richtung.
    Dann müsste man nicht das Patriarchat abschaffen, sondern Fragen, was Frauen sonst bewegt auf bestimmte Weise zu handeln.
    Der Genderpay Gap beispielsweise lässt sich ja nicht nur mit Diskriminierung, sondern auch einfach mit anderen Lebensentwürfen rechtfertigen, die eben weniger auf Karriere ausgerichtet sind.
    Würde mich interessieren, wenn du dazu mal was schreibst

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