Individualisierung und selbstverschuldete Unmündigkeit

Kleidung?Kaffee?Jobs?Verschlüsselung?
Bio!FairTrade!DIY!

Du wirst überwacht? Verschlüssel deine Daten doch!
Du findest keinen guten Job? Du hast wohl nicht hart genug gearbeitet/aufs falsche Pferd gesetzt….
Kaffeebauern werden ausgebeutet? Kauf FairTrade!

Alles schon gemacht? Die Überwachung ist noch da? Der Job nicht? Der Kaffeebauer wird immer noch nicht fair entlohnt?
Herzlich Willkommen in der Individualisierung.

Der Anspruch an den Menschen von heute ist nicht weniger als die Rettung der Welt. Allein, jeder für sich. Überall.
Du bist kein guter Mensch, wenn du nicht auf allen, wirklich allen Feldern alles richtig machst. Dumm nur, dass das so absolut nicht funktioniert.

IMHO wird die Wirkung des einzelnen Konsumenten auf eine ökonomische und globalisierte Gesellschaft völlig überschätzt. Vor allem wird (insbesondere in BIO Kreisen) die Größe des eigenen Milieus oftmals maßlos überschätzt. Industrien reagieren mit neuen Angeboten auf solche Dinge. Oder auch nicht. Langfristig ist das nicht. Aber arg religiös und anstrengend.
Einerseits leiden wir an Klickaktivismus in dem jeder sich allen Schwierigkeiten immer bewusst ist und über jeden Vorfall informiert ist. Andererseits hat uns  eine strukturelle Handlungsohnmacht ergriffen. Wir begreifen unser Handeln zwar als wirkungsmächtig, aber nicht im Sinne von Strukturänderungen. Man steckt viel Zeit in sein Engagement und wird doch immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Warum?

Das Ganze hat etwas von Ablasshandel und zwar im Sinne einer Komplexreduktion.
Überwachung geht nicht weg, weil man seine Emails verschlüsselt. Und Wassermelonen werden nicht menschenfreundlich weil ein Bio Siegel draufklebt. So funktioniert die Welt nicht. Aber es beruhigt. Man hat etwas Gutes getan. Ist seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht geworden. Grenzt sich vom Pöbel ab. Durch den Kauf einer Melone.

Politik ist ein, wie so schön bei Wrint zu hören war, dickes Brett. Das braucht Zeit, man muss Mehrheiten organisieren.
Und ja, man muss für sein Projekt Lobbyarbeit leisten. Böse, beeinflussende Lobbyarbeit. Denn in einer Gesellschaft zu leben und zu agieren bedingt auch, ihre Struktur anzunehmen. Man kann sie kritisieren und versuchen sie zu ändern, aber erstmal heißt es in diesen Strukturen zu agieren. Man gewinnt Monopoly eben nicht in dem man Bingo schreit. Auch nicht in dem man vom Tisch aufsteht und geht.
Der und die Einzelne sind wichtig, unbestritten. Aber der Weg zu gesellschaftlichen Änderungen führt eher über Politik. Nicht über Petitionen.

Du willst etwas ändern? Der lokale Ortsverband deiner präferierten Partei freut sich über Engagement. (Manchmal auch nicht, da muss man durch) Fang an, am Brett zu bohren.

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4 Gedanken zu “Individualisierung und selbstverschuldete Unmündigkeit

  1. 1. Amen. Danke für den tollen Post.

    2. Wenn man sowas sagt, läuft man gerne Gefahr, „nur weil du Bio kaufst ist die Welt noch nicht gerettet“ und „Bio kaufen nützt nichts“ gleichzusetzen. Damit öffnet man die Tür für all die *noch* uninteressierteren Trolle mit ihren „habt ihr denn keine größeren Probleme“-Argumenten. Jeder, der irgendetwas Gutes tut (Blumen pflanzen, Bio kaufen, sich politisch engagieren, sein eigenes Unternehmen fair führen, demonstrieren, der alten Dame über die Straße helfen, irgendwo klicken,… von mir aus auch einfach-nur-kein-Arsch-sein), ist einer, der etwas Gutes tut. Das – finde ich – darf man niemals entmutigen. Wenn dieser jemand sich darauf ausruht und denkt, er hätte schon die Welt gerettet, ist das was anderes. Dann ist er einfach ein Angeber ohne echten Veränderungswillen und… doof.^^

    Nicht, dass du das so geschrieben hast, aber ich bin gespannt wann der erste in die Richtung kommentiert 😉

    3. Wenn der Einzelne nicht anfängt, Dinge besser zu machen, wie wo und wann sollen sich diese Mehrheiten bilden? Wo kommen die Leute für diese Lobbys her? Bevor man im eigenen Leben nicht z. B. gute Erfahrungen mit fairen Löhnen für die eigenen Mitarbeiter gemacht hat, sondern mit Dumpinglöhnen („das haben wir schon immer so gemacht!“ „die Leuten wollen billig!“), warum sollte man politisch dafür arbeiten? Weil man so ein selbstloser Mensch ist? 😉
    Die Annahme, alle Menschen wüssten immer ganz natürlich von alleine, was ethisch richtig ist und welche Konsequenzen aus ihrem Handeln entstehen, ist utopisch. Selbst wenn es so wäre, handeln sie aus den verschiedensten Gründen noch nicht automatisch danach. Menschen müssen Gutes erfahren können (auch wenn es „nur“ das leckere Gemüse aus dem Garten vom Nachbarn ist), damit man sie für eine Sache mobilisieren kann (dafür muss der Nachbar aber erstmal mit dem Gemüsegärtnern angefangen haben.).

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    1. zu 1. Danke 🙂
      zu 2. Bin ich auch gespannt drauf.
      zu 3. Ja! Definitiv!

      Was mir so wichtig ist: Aus dem Gemüse anbauen (bleiben wir dabei) nicht a) ableiten, dass nun alle Gemüse anbauen müssen und alle die kein Gemüse anbauen (können) dumme Prolls sind, die eh früh sterben müssen/sollen. Und b) dass, damit alle Gemüse anbauen (können), es reicht wenn ich mit meinem erhobenen Zeigefinger anderen Leuten vor der Nase rumwedel. ^^ Also die Personen aus 2. 😀

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