Künstler, Werk und soziale Verantwortung

Ausgehend von einem Artikel auf dailydot.com und der Bitte, mich dazu zu äußern stecke ich nun mitten drin in einem ethischen Dilemma, welches sich einfach nicht auflösen mag. Der Artikel behandelt die Frage, ob man heute eine Karte für Woody Allens Filme noch kaufen kann oder darf. Und später nicht weniger, als die Verbindung zwischen Künstler und Werk. Der Artikel wirft eigentlich mehr Fragen auf, als er jemals beantworten kann.
 
Ich werde weder den Brief von Woody Allen, noch den von Dylan Farrow verlinken. Denn zur Beantwortung der Frage, ob Boykott die richtige Antwort ist, sind sie meiner Ansicht nach nicht nötig. 
Auf welcher Basis wollen wir unsere ethischen und moralischen Entscheidungen fußen sehen? 
Ich habe viele Artikel gelesen und dachte Wissen, mehr Wissen!  Kann man, wenn man alles weiß die richtigen Entscheidungen treffen? Ich glaube nicht. Oder doch? Auf der Suche nach Beweisen, etwas Handfestem, musste ich doch feststellen, dass alles was ich hatte, Artikel waren, die selbst aus einer nicht minder distanzierten Perspektive geschrieben waren, als der meinen. Was ist bewiesen? Reichen Anschuldigungen? Rechtsstaatliche Verurteilung? Was ist Wissen? Was würde Katharina Blum dazu sagen? 
 
Unbestritten ist, dass wir uns in einer Gesellschaft bewegen, in der Opfer sexualisierter Gewalt, insbesondere im familiären Bereich, immer noch nicht ausreichend geschützt werden, ihnen nicht annähernd genug Hilfe zu teil wird und perverse Rechtfertigungen der Täter a là „Sie hat mich provoziert“ uä. immer noch Gehör finden. Und auch in einer, in der eine gewisse Prominenz vor gewissen Dingen schützt. Im Fall Kachelmann haben wir aber auch gesehen, wie schnell sich dieses Blatt wenden kann und Vorverurteilungen ganze Existenzen zerstören können. Zugegeben, das ist bei Woody Allen nicht der Fall. Doch jede/r der/die den offenen Brief von Dylan Farrow gelesen hat, wird sich irgendwie mit ihr solidarisieren wollen. Wenn all dies passiert ist, scheint mir ihr Leben ein einziger, nicht enden wollender Alptraum, in dem der Täter öffentliche Lobpreisung für seinen genialen Geist erhält und sie vergessen wird. 
 
Doch ich weiß nicht, was da passiert ist. Ich kann es nicht wissen. Nehmen wir an, ich wüsste es. Wird diese Frage dann einfacher? 
 
Sind Künstler und Werk zu trennen? Wie weit geht die Verbindung zwischen beidem?
 
Ist ein Sachbuch Schreiberling wie Akif Pirincci oder Thilo Sarrazin anders zu bewerten als ein Filmemacher? Versteckt oder befreit Fiktion den Künstler besser?
Man möge mir dann bitte erklären, wo der Unterschied zwischen Blurred Lines und Blue Jasmin liegt. Ist da einer? Tragen beide die gleiche Verantwortung? 
 
Oder stellt sich die Frage nur, weil es um Frauen geht? Ersetzen wir doch Misshandlung von Frauen durch andere Begriffe wie Nazi, Antisemit, was auch immer. Ist es dann leichter? Scheuen wir uns die Frage klar zu beantworten aus Angst davor, als Kampffeministinnen (selten dämliches Wort)  verurteilt zu werden? 
 
Eine Freundin fragte mich ob, wenn ein Musiker dessen Musik ich mag jemanden vergewaltigt hätte, ich dann die Musik nicht mehr mögen würde. Das ist eine gute Frage, denn ich muss zugeben, die Musik fände ich, so lange ich sie denn vorher mochte, wohl immer noch toll. Ob ich Musik/Filme/Serien/Bilder/Bücher mag oder nicht, entscheidet sich ja nicht am Produzierenden. Sondern am Inhalt. Ich würde die Musik wohl immer noch mögen. Aber würde ich sie noch kaufen? 
 
Und woher stammt der Inhalt? Kunstschaffende schaffen ihre Werke ja nicht im luftleeren Raum. Die Werke sind Ausdruck von Persönlichkeit, Erfahrungen und auch den Werten der Gesellschaft in der er oder sie aufwuchs. Ich kann also, zumindest scheint es mir so, das Werk niemals vom Künstler trennen.

 

Ein Urteil und ein Boykott sind schnell bei der Hand. Doch was ist mit den anderen Menschen die an der Herstellung des Films beteiligt sind? Keine Filmstars sondern die drumrum. Kabelträger, Schnittchenschmierer. Jemand, der davon lebt, dass dieser Film gedreht wurde. Andersrum die 20 Euro für die Kinokarte, die nicht gekauft wird, da ist der ökonomische Boykott doch nicht mehr als eine Geste.  Ich will und ich kann diese Frage nicht allgemein gültig beantworten. Ich würde wohl keine Karte für diesen Film kaufen. Ich gehe aber auch selten ins Kino. Und als „alles andere als eine Cineastin“ fände ich wohl die 20 Euro, die ein Kinobesuch heute oftmals kostet, beim „weißen Ring“ besser aufgehoben, als in den Kinokassen. Aber ich weiß auch das Medium Film vielleicht nicht genug zu schätzen. 

Alle, die hier auf eine Handlungsanweisung gehofft haben, sind nun vielleicht enttäuscht und mögen mir mangelndes Rückgrat vorwerfen. Sollen sie. Denn wer bin ich, hier ein Urteil zu fällen? Statt eines Einzelurteils wäre es doch viel sinnvoller, für einen besseren Opferschutz, eine bessere Justiz und eine andere Gesellschaft zu kämpfen. 
Advertisements

3 Gedanken zu “Künstler, Werk und soziale Verantwortung

  1. Ein Kino-Boykott des nächsten Woody-Allen-Filmes wäre sinnlos, da gebe ich dir recht. Vor allem aus dem Grund, dass der Großteil des Umsatzes nicht mehr im Kino, sondern im Heimkino-Markt gemacht wird.
    Nach allem was ich jetzt zu diesem Thema gelesen habe, denke ich mir ich habe mir eine umfassende Meinung gebildet. Ich werde den nächsten Woody Allen Film im Kino sehen, mit allem was ich jetzt weiß im Hinterkopf. Jemanden zu ignorieren oder aus der Öffentlichkeit auszuschließen ist falsch und gefährlich, siehe NPD-Verbot. Ich bin mir sicher, dass auch die Filmkritiker die Debatte bis dahin nicht vergessen haben und dies ein zentrales Thema in den Kritiken werden wird. Wenn man deinen Arteikel zur Individualisierung berücksichtig, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass man dadurch, dass man eine Kinokarte oder DVD nicht kauft Dylan Farrow nicht die Kindheit zurückgeben kann. Zukünftige W.A.-Filme sollten immer wieder die Debatte um sie und ihre Anschludigungen in die Öffentlichkeit bringen. Steter Tropfen höhlt den Stein und eines Tages werden wir bestimmt die ganze Wahrheit wissen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s