Deine, meine, unsere Liebe

Partnerschaftliche Beziehungen sind etwas zutiefst privates. Zwei Menschen unter sich. Wenn sie an dem selbst gesteckten Ziel, ein Leben lang zusammen zu bleiben scheitern, sind nur sie verantwortlich. Ist das so?
Sind Beziehungen das reine Ergebnis des Willens zweier Menschen? 
Das bezweifle ich. Und nicht nur ich.
 
Was ist der gesellschaftlicher Teil von Beziehungen?
 
Zwei Personen sind ein Paar. Wer bestimmt was ein Paar ist? Woher wissen wir das? Woher wissen wir, was in Beziehungen normal ist? 
Das bürgerliche Ideal der Paarbeziehung und der romantischen Liebe ist noch nicht besonders alt. So in etwa 150 Jahre. Das ein Paar zwei Personen sind, die Vorstellung ist älter und wurde wesentlich vom Christentum verbreitet, hat sich aber nicht überall durchsetzen können. Wichtige Gründe für monogame Zweibeziehungen und warum sich diese als Ideal halten konnte? Geld. Sicherheit. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die bürgerliche, monogame Ehe eine Art Rentenversicherung für die Frau war. Eine Art Tauschhandel, der Versorgung gegen Reproduktionsarbeit bot. 
Das klingt sexistisch und unfair, es will einfach nicht zu unserem romantischen Bild von Liebe passen. 
 
Ich gebe zu, die Art wie die Soziologie Liebe und Partnerschaft betrachtet und untersucht ist nicht besonders romantisch. Es ist ernüchternd festzustellen, dass auch unser Liebesleben, dessen Vorstellung komplett aus einem bürgerlichen Ideal entstammt,  völlig nüchternen, ökonomischen Gesetzmäßigkeiten folgt. 
 
Doch diejenigen, die allein dem Individuum die Schuld oder nicht Schuld für das Funktionieren eines wie auch immer gearteten, gesellschaftlich gewachsenem Beziehungsideal gibt, möge bedenken, dass all jene Werte irgendwo herkommen. Von den Eltern? Ja, auch. Und die? 
Werte, auch der Wert der Treue und der Liebe sind gewachsen. Aufgebaut auf Ideale, die wir selber nicht mitbestimmt haben. 
 
Eifersucht ist ein normales Gefühl? Andere Kulturen handhaben das anders. Wie können wir auf die Idee kommen, dass kulturell gewachsene Handlungsweisen und Normen unsere eigene, persönliche Idee waren?
Während der Recherche tauchte irgendwo in den Ergebnissen ein Artikel vom Onlineauftritt einer Frauenzeitschrift auf. Der dort interviewte Experte gab an, in offenen Beziehungen seien die Menschen sogar eifersüchtiger. Seit wann geht es in einer offenen Beziehung nur darum, weniger eifersüchtig zu sein? Der Umgang mit Eifersucht ist einfach ein anderer. Die Eifersucht wird in solchen Beziehungen durchaus wahrgenommen. Aber nicht als Zeichen der Liebe, der Zuneigung. 
 
„Häufig wird die Exklusivität der erotischen Liebe mit dem Wunsch verwechselt, vom anderen Besitz zu ergreifen. Man findet oft zwei „Verliebte“, die niemanden sonst lieben. Ihre Liebe ist dann in Wirklichkeit ein Egoismus zu zweit; es handelt sich dann um zwei Menschen, die sich miteinander identifizieren und die das Problem des Getrenntseins so lösen, daß sie das Alleinsein auf zwei Personen erweitern.“ (Fromm)
 
Ich finde dieses Zitat von Fromm aktueller denn je, so zumindest nehme ich es wahr. Beziehungen und wie sie geführt werden, sind meiner Ansicht nach keineswegs nur das Ergebnis individueller Prozesse. Wie wir Beziehungen ausgestalten, was wir als normal und richtig empfinden, welchen Normen wir folgen ist so oft Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, den wir eben nicht reflektiert haben. Das wertet Partnerschaft nicht ab. Oder Liebe.
 
Woher wissen wir, was romantisch ist? Wie man üblicherweise Nähe ausdrückt und Beziehungen „führt“? Emotionaler Kapitalismus. Euer Beziehungsleben ist leider viel stärker standardisiert als ihr glaubt. (vgl. Illouz) Die geht übrigens auch davon aus, dass höhere Schichten auch Vorteile bei der Entwicklung von Emotionen haben. Dass sie die Möglichkeiten haben, abweichende Lebensentwürfe eher durchzusetzen, ist in diesem Zusammenhang wohl unnötig zu erwähnen. Von ihr kann ich auch empfehlen, „Warum Liebe weh tut“, Alexandra Tobor hatte dieses Buch auch schon mal in ihrem Podcast besprochen, die Folge ist wirklich empfehlenswert. 
 
Ich werte keine Beziehungsentscheidungen ab. Ich akzeptiere die Entscheidung von n – Menschen. Wer eine monogame Zweierbeziehung leben will, find ich total toll, macht das! Wer lieber die polyamore Kommune bevorzugt, toll, macht das! Entgegen landläufiger Vermutungen heiße ich  „Ehebruch“ auch nicht gut, bloß weil ich offene Beziehungen gut finde. 
 
Führt die Beziehung die ihr wollt, besprecht eure Wünsche und Vorstellungen  (wobei das auch schon wieder exkludiert) und wenn ihr euch ein Versprechen gebt, haltet euch dran. Alles andere ist ziemlich scheiße. Lügen… nein, ich bring jetzt nicht noch Simone de Beauvoir mit ins Spiel. 😉 
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3 Gedanken zu “Deine, meine, unsere Liebe

  1. Hach, mal wieder ein toller Text. Die Aussagen von Sebastian Batroscheck(man siehe mir die namensschreibung nach), dass eine Beziehung nur zwischen zwei Menschen funktioniert, haben mich zum Nachdenken gebracht. Es klingt natürlich plausibel, das evolutionär gesehen der Mensch zu einer Zweierbeziehung neigt. Aber zum Beispiel die unterschiedlichen Formen der Partnerschaft im antiken Griechenland, oder dass sie dort drei unterschiedliche Bezeichnungen für Liebe hatten sagt ja etwas anderes. Weißt du ob der Mensch evolutionär wirklich zur Zweierpartnerschaft neigt? Es muss ja nicht heißen, dass es nicht anders geht, aber mich würde das dann doch interessieren.

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    1. Die drei Semester, die ich Bio studiert habe, befähigen mich nicht grade zu evolutionsbiologischen Aussagen. Da müsste man mal eine/n solche/n fragen.
      Rein von der Logik her, sind evolutionäre Argumente ja immer biologische. Also warum sollte ein Mensch biologisch zur Partnerschaft neigen? Nachkommen. Der männliche Part möchte möglichst weite Genstreuung, der weibliche Part möglichst erfolgreiche Nachkommen (im Sinne von Überleben). Da wäre für mich die Partnerschaft bereits unlogisch, da völlig konträr zum Ziel. Im Gegenteil, hier wäre, wie bei manchen Schimpansenarten zu beobachten, eine möglichst stabile Sippe für die Nachzucht am besten. Das ist aber alles völlig aus dem Gedächtnis geschrieben und wissenschaftliche Zahlen habe ich grad auch nicht zur Hand.

      Wenn die Aussage oben so getätigt worden ist, muss ich dem energisch widersprechen. Solch eine Argumentation finde ich a) nicht angemessen, da sie die Lebensentscheidung anderer Menschen abwertet, wo dies absolut unangebracht ist und b) zeigt die Vielzahl an Beziehungen die wir tagtäglich führen und pflegen, dass „Beziehung“ einer genaueren Definition bedarf. Ich kenne den Kontext dieser Aussage aber nicht.
      Um deine Frage endlich zu beantworten ^^: IMHO ist der Aufbau einer stabilen Gemeinschaft für die Spezies Mensch evolutionär wichtiger, als Zweierbeziehungen.

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