Kapitalismus und Selbstbestimmung

Die große Koalition berät über ein neues Prostitutionsgesetz und Ministerin Schwesig hat ein Eckpunktepapier vorgelegt, dass es in sich hat. Die taz berichtete. (Aber viel wichtiger war mir persönlich aber die Einschätzung von Sonja Dolinsek im Freitag. Wenn euch das Thema und eine gute Berichterstattung interessiert, speichert euch diese Seite ruhig ab.)

Was im Zusammenhang mit diesem neuen Gesetz immer wieder auftaucht ist  der Ausdruck aus Schwesigs Papier, (Betriebskonzepte die) „das Selbstbestimmungsrecht von Prostituierten gefährden“. Außerdem geistert durch das Netz der Ausdruck „es nur für das Geld machen“. Und schon kommt mir ein kleines bisschen die Kotze hoch. Selbstbestimmt arbeiten? Dazu hätte ich ein paar Gedanken…

Die Gesellschaftsordnung, die wir momentan unser eigen nennen, ist der Kapitalismus. Was ist Kapitalismus?
Er beruht darauf, dass Produktion und Konsum durch Märkte gesteuert werden, Privateigentum und, ja, auf dem ewigen Wachstum und Streben nach Gewinn. Bevor jetzt jemand schreit, nein, es gibt momentan keine nichtkapitalistische Gesellschaft in Form größerer Staaten. Wer also die Chinakeule rausholen will, sorry, das ist auch Kapitalismus.
Eine Marktwirtschaft kann übrigens auch ohne Kapitalismus bestehen. Aber das will ich hier nicht alles ausrollen.
 
Was hat Kapitalismus mit Selbstbestimmung zu tun?

Eine ganze Menge. Jeder, der in dieser Gesellschaft lebt, hat sich den Regeln des Systems zumindest teilweise zu unterwerfen. Selbst Systemverweigerer, auch wenn diese das gar nicht gerne hören, leben von dem, was die kapitalistische Gesellschaft geschaffen hat. Ich möchte hier nicht den bösen Kapitalismus brandmarken, da kann man ja schließlich auf Marx zurückgreifen. Ich möchte darstellen, warum wir alle, morgens aufstehen. Und was das System mit uns zu tun hat.

Ein System, dass auf Gewinn und Konsum ausgerichtet ist, hat eine diesbezügliche sozialisierte Gesellschaft. Das Konsumverhalten der Deutschen ist immer wieder Thema in den Medien. Wir alle sollen konsumieren, produzieren, uns reproduzieren… Wait?.. Ja. Reproduktion. Der Wachstumsgedanke funktioniert nur über Bevölkerungswachstum, das hat schon Marx erkannt und erheitert seit dem ganze SoziologInnen – jahrgänge mit dem Abschnitt über Reproduktion von Arbeitskraft.

Zurück zur Arbeit. Unserer Gesellschaft eigen ist, dass Selbstbestimmung erstmal an etwas geknüpft ist, was man damit niemals verbinden würde: Arbeit. Jemand der keine Arbeit hat, ist fremdbestimmt, man denke nur an Hartz IV Empfänger, denen wir, ganz im Sinne des Kapitalismus, zum Vorwurf machen, dass sie ihre Arbeitskraft dem Bruttosozialprodukt grade nicht andienen. Das geht so weit, das Arbeit völlig überhöht als sinnstiftendes Element begriffen wird. Wer keine hat, wird öfter depressiv. Schneller krank. Er leidet an einem Stigma, der Arbeitslosigkeit. Familienarbeit ist übrigens keine Arbeit, denn es gibt kein Geld dafür, wir sprechen hier also nur von Erwerbsarbeit. Arbeit, die ein vermarktbares Produkt hervorbringt, also Kapital erschaffen kann. Da liegt übrigens auch ein Teil des Hundes begraben, der dafür sorgt, dass familiennahe Berufe nicht gut entlohnt werden. (Der andere Teil des Hundes liegt irgendwo bei der Abwertung weiblicher Arbeit rum)

Anerkennung für unsere Arbeit bekommen wir in Form von Lohn. Den brauchen wir auch, denn wer Teil dieser Gesellschaft sein will, der muss konsumieren. Natürlich haben wir mit unseren Sozialgesetzen noch ein Netz (ein löchriges), welches die Menschen vor dem Hungertod bewahrt. Aber wir haben jenes so sehr mit negativen Konnotationen bestückt, dass viele lieber drei Jobs machen, bevor sie es nutzen.

Wir haben Erwerbsdruck, wir alle. Wir machen Jobs, weil es Geld dafür gibt. Und jemand, der sagt, er mache seinen Job gern, könnte ihn doch nicht tun, wenn es kein Geld gäbe. Denn wir alle stehen morgens auf, um in dem System in dem wir leben zu überleben. Und das können wir nur, wenn wir arbeiten. Wir alle, bis auf ein paar Ausnahmen, machen es fürs Geld. Wir haben Arbeit, Geld und Konsum so sehr aufgeladen, dass wir gar nicht anders können. Wir arbeiten, kaufen, trinken, essen und atmen fürs Geld. Weil wir alle leben wollen. Wir haben Selbstbestimmung an Geld und Arbeit geknüpft.

Völlige Selbstbestimmtheit in einer kapitalistischen Gesellschaft ist Illusion. Wir sind alle fremdbestimmt durch den ökonomischen Druck arbeiten gehen zu müssen, Rechnungen zu bezahlen und uns in dieser Gesellschaft zu bewegen.

Nicht jeder hat das Glück, einen prestigeträchtigen Job zu haben. Manche pflegen gegen ihren Willen ältere Menschen. Das ist ein Job wie jeder andere, das Jobcenter kann darauf hinwirken, dass du diesen Job machst. Andere ziehen in den Krieg Polizeieinsatz und töten dabei Menschen. Auch ein Job wie jeder andere?

Es ist nicht der Sex, der hier so anrüchig ist. Und über den alle lamentieren. Sexarbeit ist einfach kein prestigeträchtiger Job. Aber es ist ein Job, in einem kapitalistischen System. Den man für Geld machen kann, den man gerne, oder auch nicht so gerne machen kann. Einen Job muss man machen. Wir alle müssen irgendeinen Job machen. Wenn ein Job Gefahren bietet, muss man die Arbeitsbedingungen verbessern. Wir verbieten ja auch nicht das bauen von Mauern, weil es den Rücken schädigt.

Und deshalb, ficken SexarbeiterInnen für den Kapitalismus. Wir alle ficken für den Kapitalismus. Also macht es nicht ihnen zum Vorwurf, macht es dem System zum Vorwurf.

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2 Gedanken zu “Kapitalismus und Selbstbestimmung

  1. Ich bin noch nicht ganz hinter dein Fazit gestiegen. Was genau muss man dem System vorwerfen? Das Sexarbeit ein anrüchiger Beruf ist, die Notwendigkeit von Wexarbeit überhaupt oder die schlechten Arbeitsbeidngungen?

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    1. Der Erwerbsdruck, der ihnen vorgeworfen wird, betrifft uns alle. Das taugt also einfach nicht als Argument. Der Erwerbsdruck ist notwendiger Teil des Systems in dem wir leben.

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