Frontlinien der Verantwortung

Für Menschen die mich kennen, ist das was nun folgt eine der ewig sich wiederholenden Schleifen einer Ausführung, die öfter mal aus mir heraus bricht und mir auch keinen Frieden lässt. 

Es geht um die vielen Fronten, die sich täglich vor uns auftun, uns durch Nachrichten angetragen werden. Ob Diskriminierung, Klimawandel, Massentierhaltung, Bildung oder internationale Konflikte, ständig geht irgendwo irgendwie die Welt unter.

Und im Zuge der Individualisierung ist wer verantwortlich? – Richtig, du. Und ich. Und überhaupt jeder für sich für jedes einzelne Problem. Es ist ja auch nicht so, dass der/die Einzelne keine Macht hätte. Im Gegenteil, ich behaupte, jede/r hat die Verpflichtung zu handeln! Außerdem, nach meiner verqueren Logik der Verantwortung, geht ein mehr an Privilegien, seien sie vererbt oder erworben, auch mit einem Anstieg der Verantwortung einher. 

Ich persönlich sehe den Schlüssel zur Rettung der Welt in der Bildung. Das ist meine Frontlinie, in der ich das Potential sehe, nachhaltig einen Unterschied zu machen. Auch nicht als Lehrkraft, da sehe ich mich nun wirklich nicht, sondern in der Bildungsforschung und in der Weiterbildung der Leute, die Bildung vermitteln sollen. Keine ökonomisierte Bildung, sondern im humboldtschen Sinne. Ich will Weltenbürger statt High Potentials. Keine Klickkampagnen oder diese überdrehten Aktionen, die in ihrem Extremismus der Sache viel mehr schaden, als alles Nichtstun es je könnte. Nein, bewusstes, kompetentes und weitsichtiges Handeln, möglich durch die Kenntnis von Gesellschaft und Welt. Das ist naiv, klingt pathetisch und ist wahrscheinlich vollkommener Irrsinn. Ein Luxus den ich mir ob meiner Jugend noch erlaube. Einerseits Pessimistin zu sein und doch von utopischen Zukünften zu träumen. Utopien auch deshalb, weil Bildung ein ziemlich träges Feld ist, an der Wirkung bemessen. 

Die Schwierigkeit scheint mir, den Fokus zu wahren – sich darauf zu besinnen, was man erreichen wollte und sich voll und ganz auf ein Ziel einzuschießen. Grad dieses „sich voll und ganz auf eine Baustelle konzentrieren“ ist total out und wird gesellschaftlich auch nicht wirklich legitimiert. 

Doch Verzeihung, wenn ich unfassbar viel Zeit aufwende, um an der Ablasshandelbörse der Neuzeit ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen -was nicht nur bedeutet, sich bewusst zu kleiden, zu essen, sich fortzubewegen und zu handeln, sondern wahrscheinlich auch viel viel mehr zu arbeiten um sich diesen Lebensstil auch nur annähernd leisten zu können – dann habe ich keine Zeit mehr für mein eigentliches Ziel, meine Frontlinie! (Mal abgesehen davon, dass dieser Anspruch an „gutes“ Leben eine der eindeutigsten Bürgertumsphantasien überhaupt ist…) 

Ich bin also der Ansicht, dass ich jedem seine, und man mir meine Kämpfe lassen sollte. Ich muss mich nicht über meinen Ernährungsstil dazu legitimieren, etwas bewegen zu können. Ich werde Gründe haben mich auf diesen Part zu konzentrieren und auf keinen anderen. Der Anspruch sollte nicht sein, auf möglichst vielen Feldern ein bisschen zu tun. Sondern sich einem Ziel zu verschreiben dem man mit aller Kraft folgt. Und das hat nichts mit mangelndem Wollen zu tun. Wir alle haben nur bestimmte Ressourcen zur Verfügung, finanziell, persönlich, zeitlich. Ein Großteil müssen wir bereits dafür aufwenden, einfach nur zu leben. Was spricht dann dagegen, seine eigenen Ressourcen klug zu nutzen? Habt doch einfach mal den Mut, euch einer Sache zu verpflichten, statt in tausend Sachen keinerlei Unterschied zu machen. 

Und trotzdem – wenn ich Nachrichten sehe, wie soeben wieder über das kommenden Prostitutionsgesetz oder über einstürzende Fabriken in Bangladesh und ausgebeutete Arbeiter auf Biofarmen, dann will ich nicht warten, bis meine Arbeit ihre Wirkung entfaltet. Dann will ich die Welt retten und nicht warten! Wider dem besseren Wissen, dass all meine Kraft und Aufmerksamkeit gebraucht wird, um an Morgen zu arbeiten. In dem Bewusstsein, meine Reichweite völligst zu überschätzen und nichts zu produzieren als heiße Empörungsluft.

 

 

 

 

Advertisements

5 Gedanken zu “Frontlinien der Verantwortung

  1. Das humboldtsche Bildungsideal entspricht allerdings nicht dem Habitus der Arbeiterklasse. Ich stelle mal die steile These auf, dass Bildung die Welt nicht verbessert. Sie ermöglicht nur den schlechten Menschen ihr Verhalten besser zu kaschieren und die Machtstrukturen subtiler zu gestalten und damit noch zu festigen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s