Vermessung der Welt

Jede Gesellschaft strebt irgendein Idealbild an, eines, was für (fast) jeden Bürger erstrebenswert erscheint, und wenn nicht, doch zumindest viel seiner Weltsicht beeinflusst. Wir leben scheinbar in einer sehr emanzipierten Gesellschaft. Die sich von alten Idealen emanzipiert hat und die neue Freiheit feiert. Ja? Was mich, insbesondere im Internet, aber auch im alltägliche Leben anspringt: Bürgerlichkeit. Überall.  Eigentlich ist der Ausdruck „Bürgerliche Ideale“ nicht ganz korrekt. Wir sollten lieber von Biedermeier sprechen. Der ersten wirklichen Kultur des Bürgerlichen ab 1815. Doch was kratzt uns das heute noch? Wir haben nicht mal einen Adelsstand der taugen könnte, den Bürger abzugrenzen?! Warum ackerte sich Habermas 1962 in seiner Habil an so etwas ab?

Naja, das ganze wird klar, wenn man sich mal anguckt, wo überall diese alten Ideale noch wirken. Wenn ich meine Welt vermesse, ist alles von Bürgerlichkeit durchdrungen.

Was hat uns das Biedermeier alles gebracht?

-Familie : Unsere Vorstellung von Familie, Mutter, Vater, Kinder, stammt aus eben jener Zeit. Vorher war es durchaus normal, dass alle „anwesenden Erwachsenen“ am Kind erziehen. Nun zog sich die Erziehung in die Kernfamilie zurück. Wobei Erziehung auch daher stammt.

Ehe: Die Rechte und Pflichten einer Ehe sind auch aus dieser Zeit. Vorallem die Privilegien und die Ansicht, mit der Verbindung zweier Menschen etwas schützenswertes und zu förderndes zu schaffen, stammt aus dieser Zeit. Wohlgemerkt, eine Ehe in diesem Sinne, ist die „reproduktionsfähige Verbindung aus Mann und Frau“. Wenn ihr also den nächsten CSUler als verdammten Biedermeier beschimpfen wollt, es wäre durchaus angemessen.

-Kindheit: Das Phänomen Kindheit wie wir es heute kennen, also die Erkenntnis, dass Kinder keine „kleinen Erwachsenen“ sind, und besondere Bedürfnisse haben, setzte sich in dieser Zeit durch. Unsere Vorstellung, dass Kinder spielen müssen, lernen und Zeit mit den Eltern verbringen, diese Fokussierung auf das Kind, ist ein Produkt des Biedermeier. Interessanterweise kann man das ganz toll an der Mode beobachten. Aus der Zeit des Biedermeier stammt die erste, richtige Kinderkleidung.

– Geschlechterbilder: Hier werde ich etwas ungehalten. Frauen sind… weich. Männer sind… hart. Woher stammt diese Erkenntnis? Achja, Biedermeier. Die Zuordnung weiblicher Tätigkeit zu haushaltsnahen Tätigkeiten? Biedermeier! Die Frau als Hausfrau? Als Repräsentantin? Biedermeier! Lassen wir das. ^^

Arbeit: Als etwas, was der Mann außerhalb des Hauses tut, das Büro, voilá, Biedermeier! Auch Dinge die mit geistiger Arbeit, zB als Kaufmann, zusammenhängen, wie Rente, Erwerbsleben, Vollzeit….

Wohnzimmer: Ja tatsächlich, unsere Stube /Wohnzimmer, stammt auch daher.

– Das Weihnachtsfest: Also nicht das Fest an sich, sondern so wie man es feiert. „Im Kreis der Familie“. Ok, Kartoffelsalat und Würstchen kamen wohl später dazu.

– Gemütlichkeit (Ohne die Zeit des Biedermeier würde es den „Ikea- Nestbautrieb“ nicht mal geben!) Überhaupt stand die Zeit des Biedermeier im Zeichen des Rückzug in die eigene Höhle. Überspitzt formuliert hat der Biedermeier die Cosiness erfunden….

– Bildung: Ein Begriff wabert seit ein paar Jahren durch die die Medien. „Bildungsfern“. Gewöhnt euch diesen Begriff bitte wieder ab. Er ist höchst prekär, denn was er beschreibt, ist eine Ferne vom bildungsbürgerlichen Ideal der Bildung. Der hohen Bildung, also Leute ohne Hochschulabschluss, denen jedoch damit gleichzeitig jede Form des „gebildet sein“ abgesprochen wird. Argumentiert bitte auch nicht mit bildungsfernen Haushalten. Wenn an Idealen im heutigen Verständnis von Bildung Interesse besteht, mache ich dazu gern nochmal einen eigenen Post, genauso wie zu Geschlecht und Familie.

– Die Leistung(sgesellschaft): Huch, wie konnte die in der ganzen kuschligen Cosiness auftauchen? Leistung war eine der wichtigen (männlichen) Tugenden des Biedermeier. Leistung sollte sich lohnen und der fleißige würde es weit bringen. Natürlich wissen wir heute, auch dank der historischen Soziologie, dass dies ein Irrtum ist. Es gibt sehr viel mehr Faktoren, die das Lebensglück und den Erfolg eines Menschen in einer Gesellschaft bestimmen. Fleiß und Anstrengung sind es häufig nicht.

Das ließe sich hier ewig weiterführen.

Was genau ist daran nun nicht so toll? Zum einen, verengen diese Ideale den Blick auf die Wirklichkeit. Frauen gehen mittlerweile arbeiten und Bildung ist auch fernab dieser Ideale wertvoll. Daraus folgt natürlich auch, dass Menschen, die diesen Idealen nicht entsprechen können, oder wollen, ausgeschlossen werden. Wir haben hier also ein exkludierendes Potential.

Zum anderen negiert es die Chancen, die Diversität mit sich bringt. Wir erkennen, im Bereich der Bildung, nur jene Abschlüsse an, die diesem bildungsbürgerlichen Ideal entsprechen. Und genau das finde ich furchtbar!

Sich diese Ideale bewusst zu machen und ihre Bedeutungen zu reflektieren, ist ein wichtiger Punkt. Aber auch das ist wieder bildungsbürgerlich gedacht. Denn wer hat die Ressourcen, die Kapazitäten sich und seine Umwelt zu reflektieren, zu durchdenken und zu ändern?

Richtig.

Wer sich weiterführend informieren will, das ist ein wirklich interessantes Thema, der möge sich hier bei der Bundeszentrale für politische Bildung einlesen. Diese Texte kann ich nur immer wieder empfehlen. Sie sind fundiert, gut verständlich und kostenlos bis sehr günstig zu erwerben! Außerdem haben sie richtige Literaturverzeichnisse, wer also will, findet bei denen immer einen sehr guten Einstieg.

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Ein Gedanke zu “Vermessung der Welt

  1. Bin irgendwie sehr hinterher mit meinem Bloglesen… Aber auch wenn es schon eine Weile her ist: Als ich das hier las, wollte ich doch zumindest kurz ein heftiges Kopfnicken und nen kleinen Dackelblick in der Kommentarspalte lassen 😉
    „Wenn an Idealen im heutigen Verständnis von Bildung Interesse besteht, mache ich dazu gern nochmal einen eigenen Post, genauso wie zu Geschlecht und Familie.“ – Ja! Bitte!

    Gefällt 1 Person

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