Freiheit, Tod und der Kapitalismus

Kaum debattieren wir über Sterbehilfe, tauchen die Kritiker auf. Mord im Namen der Ökonomie.

In der Schweiz und den Niederlanden sind die Gesetze etwas anders als bei uns, die Sterbehilfe ist dort unter Auflagen erlaubt. Auch dort gibt es Debatten, unterschiedliche Interpretationen der selben Zahlen und so weiter. Es sind viele Emotionen im Spiel.

Den Aspekt, den Augstein hier jedoch einwarf, bespielt eigentlich ein etwas anderes Gebiet. Nämlich das Verhältnis zwischen Leben und Wirtschaft. Und da bekommt er einen einseitigen Blick. Augstein argumentiert im Freitag, das Sterben würde zum ökonomischen Ausweg. Sterben um nicht mehr zur Last zu fallen.

Er ignoriert, dass Pflege, erhaltende Medizin und ähnliches, ein riesiger Markt sind. Genauso oft, wie Menschen aus Gründen der Ökonomie sterben müssten, werden heute Menschen gegen ihren Willen weitergepflegt und am Leben erhalten. Sie generieren Umsatz.

Wie oft, dürfen Menschen nicht sterben, weil die Angehörigen nicht loslassen können?
Wie oft wird Menschen eine angemessene Behandlung (heute bereits ) verwehrt, weil sie zu alt sind? Was ist Suizid?

In meiner Definition ist Suizid eine Form von Freiheit. Es ist mein Leben, ich bestimme über mich und meinen Körper. Eine andere Definition sieht den Körper eines Menschen als Teil der arbeitenden Gesellschaft. Verpflichtet Leistung zu bringen. Es wäre ein Verrat, sich dessen zu entziehen. Unfair den anderen gegenüber. Die katholische Kirche ächtet Suizid ebenso. Wie könne man sich nur erdreisten, sein Leid auf Erden vorzeitig zu beenden? Wo dies doch die Eintrittskarte ins Paradies ist? Je mehr du leidest, desto schöner wird es nach dem qualvollen Tod.
Welch perverse Logik in meinen Augen.

Das Problem ist nicht die Sterbehilfe und der Suizid. Das zu Grunde liegende Problem ist die Tatsache, dass wir die „Kräfte des Marktes“ so weit haben in unser Leben vordringen lassen, dass es uns auch in Gesundheit völlig normal erschien. Wir akzeptieren die Kräfte des Marktes in fast allen Lebensbereichen, Grundversorgung, Gesundheit.

Wir haben zugelassen, dass in allen Bereichen unseres Lebens, bis zum Tod, der „Markt das regelt“.
Warum?
Warum gehen wir davon aus, dass „der Markt“ ein humanes, weises und gütiges Wesen ist, welches unser Leid menschenwürdig behandelt? Wer wäre weniger geeignet, über Leben und Tod zu entscheiden, als die kalte Ökonomie?

Vielleicht kann die Debatte über Sterbehilfe zeigen, dass Gesundheit und Grundversorgung niemals den Gesetzen des ökonomischen Marktes unterliegen dürfen. Und dass Kapitalismus kein Synonym für Freiheit ist.

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