Von Schulden und Chancen 

Wir leben in einem Land, in dem vieles möglich ist. Die Möglichkeit mit einem Job sehr viel Geld zu verdienen genauso, wie von ganz oben nach ganz unten abzustürzen. Mal von dieser existenziellen Frage weg, bleiben unzählige Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, bis man in Torf geht. Um diese soll es hier gehen.


Ich bin in einer Lebensphase, wo eine Chance die andere jagt. Jeden Tag öffnen mir liebe Menschen noch mehr Türen und halten sie sogar noch auf. Während ich vorbei hetze, sehe ich das ein oder andere Fenster offen stehen. Während ich durch weit offene Türen gehe, muss ich mich entscheiden, muss offene Türen ausschlagen. Meist komme ich gar nicht bis dahin, sondern stehe erstarrt vor Staunen und Dankbarkeit in einem Flur offener Türen und gehe erstmal durch gar keine. Ich verbringe momentan ganz viel Zeit damit, abzuwägen, für wie viele Türen in meinem Leben grad Platz ist (unser Flur steht schon voll von ihnen) und wenn nicht für alle, dann durch welche ich gehe. Ich schreibe das und bin sofort von einer Welle des schlechten Gewissens erfasst.

Darf ich so etwas sagen? In einem Land, wo andere keine Chancen bekommen und ich meine nur einem Zufall und anderen Menschen zu verdanken habe? Darf ich, das Aufstiegssymbol einer ganzen Familie, Chancen überhaupt ausschlagen? Mache ich mich damit schuldig, wenn ich Chancen nicht nutze? Obwohl ich es könnte?

Zu behaupten, dass nur meine Neugierde und Wissbegier mich in diesem atemberaubenden Tempo durchs Leben treibt, obwohl ich mir dabei schon mehrfach den Fuß verstaucht habe, wäre schlicht gelogen. Doch Geld und Wohlstand treiben mich auch nicht. Was treibt mich dann? Es ist eine Mischung aus eben dieser Neugier und einem Gefühl der Schuld. Schuld denen gegenüber, die mir dieses Leben überhaupt erst ermöglicht haben und denen, die dieses Leben nicht haben. Ich habe so gut wie keine Schulden, also monetäre. Nur Bafögschulden.

Ursprünglich wollte ich in diesem Artikel was ganz anderes schreiben:

Was bringen mir meine ganzen Erfahrungen, wenn ich seit Monaten kein Buch mehr ganz durch lesen konnte. Die Schuld liegt nicht in der digitalen Unterhaltung. Der Grund für diese Unruhe ist der zutiefst absurde Anspruch einer Antikapitalistin, Leistung zu bringen. Einen Unterschied zu machen.

Nun denke ich darüber nach, ob ich überhaupt das Recht habe, keine Leistung bringen zu wollen. Ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt mit sehr geringem finanziellen Budget. Als ich meinen Eltern erzählte (das war vor drei Jahren), dass ich keine ganze Stelle möchte, sondern nur eine halbe und schlichtergreifend keine Zeit hätte, Vollzeit zu arbeiten, hatten sie Angst, ich könnte von meiner Arbeit nicht leben. In ihrer Welt ist das so.                        Als ich nun vor einigen Wochen erzählte, dass ich nach meiner Promotion lieber freiberuflich arbeiten möchte, hatten sie die Sache mit der halben Stelle grad erst verdaut.

Auf einer sehr rationalen Ebene weiß ich, dass eben diese Schuld das Rad am Laufen hält und dass in einer kapitalistischen Arbeitsethik kein Platz für Müßiggang ist. Viel interessanter ist aber, dass sich diese Gedankengänge bis in meine zutiefst soziale und antikapitalistische Filterblase schlagen. Wir arbeiten nicht mehr bis zum Umfallen für den nächsten Gehaltssprung. Wir arbeiten bis zum Burnout für eine Idee einer anderen Gesellschaft. Wir reden von Downshifting  und arbeiten mehr als mancher Manager.

Auf der anderen Seite vermute ich, dass dies meinen kreativen und innovativen Gedanken nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Während ich so rase, bin ich grad so in der Lage, zu reagieren und zu organisieren. Um innovativ und kreativ denken zu können jedoch, brauche ich zwei Dinge: Freiheit und Langeweile. Und obwohl ich das weiß, arbeite ich, soviel ich kann. Dass meine Tätigkeiten oftmals nicht mal als Arbeit erkannt werden, da ich weder Dinge baue, noch tolle Berechnungen anstelle oder unmittelbar das Bruttosozialprodukt steigere, hilft da nicht wirklich. Nur, ich produziere keine Maschinen oder Brote. Ich produziere Ideen. Und wie ein Maurer ohne Steine und Mörtel nicht mauern kann, kann ich ohne Langeweile nicht kreativ sein. Ich bin leistungsfähig, aber nicht kreativ. Eigentlich nicht besonders klug, oder?

Ich bin 28 Jahre alt und habe gute Chancen 100 Jahre alt zu werden. Also noch ungefähr 72 Jahre, die mich beschäftigen muss.

SoziologInnen wie ich Klagen oft lautstark über die zunehmende Subjektivierung von Arbeit. Über den Zwang zum Arbeitskraftunternehmer, der seine Ware, die eigene Arbeitskraft möglichst gewinnbringend und klug zu Markte tragen muss. Und auf der anderen Seite, die Entfremdung von der eignen Arbeit. Die Antwort, der auch ich lange anhing, war stets, Arbeit und Freizeit wieder stärker zu trennen, Work-Life Balance.

Vielleicht braucht es, um diesen Widerspruch, die Schuld und weiteres, gar nicht weniger Arbeitskraftunternehmer. Gar keine neue Institution, die uns beschützt, vor dem Markt. Vielleicht braucht es den Gedanken, dass wir, jeder für sich, ein Unternehmen ist,radikal weiter gedacht. Vielleicht müssen wir einfordern, was von uns verlangt wird. Unternehmerisches Denken für uns selbst. Endloses Wachstum, selbst für die härtesten Anhänger des Kapitalismus, ist spätestens bei sich selbst irrational. Nicht nur Firmen, Länder und Märkte können nicht endlos wachsen. Meine eigenen Ressourcen sind auch nicht endlos multiplizierbar.

Ich bin Vrouwelin, ein nachhaltiges Unternehmen. Das mit den, dem Unternehmen eigenen Rohstoffen und Ressourcen verantwortlich umgeht. Ich expandiere nicht. Ich wachse nicht nach. Ich bin ein Postwachstumsunternehmen. 

Vielleicht müssen wir nicht mehr tun, um unsere Schuld zu begleichen und innovative Lösungen zu finden. Sondern weniger. 

Advertisements

6 Gedanken zu “Von Schulden und Chancen 

  1. Ich kopiere jetzt einfach Deine letzten Zeilen um das noch einmal zu vestärken, weil es mich total umgehaut hat, das zu lesen.

    Wenn jeder so denken würde, dann gäbe es nicht so viel Burnout und Depressionen auf dieser Welt!

    lg
    Maria

    *******

    Vielleicht braucht es den Gedanken, dass wir, jeder für sich, ein Unternehmen ist,radikal weiter gedacht. Vielleicht müssen wir einfordern, was von uns verlangt wird. Unternehmerisches Denken für uns selbst. Endloses Wachstum, selbst für die härtesten Anhänger des Kapitalismus, ist spätestens bei sich selbst irrational. Nicht nur Firmen, Länder und Märkte können nicht endlos wachsen. Meine eigenen Ressourcen sind auch nicht endlos multiplizierbar.

    Ich bin Vrouwelin, ein nachhaltiges Unternehmen. Das mit den, dem Unternehmen eigenen Rohstoffen und Ressourcen verantwortlich umgeht. Ich expandiere nicht. Ich wachse nicht nach. Ich bin ein Postwachstumsunternehmen.

    Vielleicht müssen wir nicht mehr tun, um unsere Schuld zu begleichen und innovative Lösungen zu finden. Sondern weniger.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s