Scherz beiseite – Rituale

Ich habe eben auf Twitter ein bisschen rumgeblödelt. Wie immer, wenn mir lautstarke, nicht zu übersehene Religionsausübung auf den Puffer geht. ich bezeichne mich selbst als Skeptikerin, wobei dieser Begriff ja mittlerweile auch verbrannt ist. Ich kann mich auch mit Teilen des Humanismus identifizieren und ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftlerin.

Auch dieses Jahr nahmen an der Fronleichnamsprozession viele Kinder teil. Meine Eltern sind nicht sonderlich religiös, mein Vater lehnt jede Form von Religion als Spinnerei ab, doch meine Großeltern bestanden auf unsere Taufe und katholischen Brimborium. Ich bin also getauft. Ein Vertrag ohne Rücktrittsmöglichkeit, denn wie ich feststellen durfte und mir vor zehn Jahren von meiner damaligen Gemeinde bestätigt wurde, führt nur die Exkommunion zum Ausschluss aus der katholischen Gemeinde, nicht der Kirchenaustritt. Mit jedem weltlicheren Papst sehe ich seither meine Chancen schwinden, jemals aus diesem Haufen ausgeschlossen zu werden. Nun ja. Ich hoffe jemand hält sie nach meinem Tod davon ab, ihr bizarres Eintorfungsspektakel mit mir abzuziehen.

Ich weiß aber auch noch, wie sehr ich als Kind diesen ganzen Zirkus genossen habe. Ich war Ministrantin und habe auch noch an der Kommunion teilgenommen. Ich liebte Orgelmusik, das dünne Papier der Gebetsbücher, den muffigen Geruch in der Sakristei und mein schweres, helles Ministrantinnenoutfit. Ich war voll dabei. Was mir am meisten gefiel, waren die Rituale, der feste Ablauf jedes Gottesdienstes, des Kirchenjahres und auch des Wochenablaufs. Ich liebe Rituale, bis heute und was ist ritualisierter, als die Gemeinden der katholischen Kirchen? Außerdem spielte in der Gemeinde der finanzielle Background meiner Eltern keine Rolle. An Kirchenfahrten, Ausflügen und Tanzgruppen durften wir teilnehmen, es kostete kein Geld. Und es war immer schön. Alle waren so nett. Jedenfalls kommt mir das im Rückblick so vor.

Zur Firmung bin ich nicht mehr gegangen, als ich mit zehn/elf anfing Kritik am nun einmal nicht sehr logischen Weltbild der Christenheit und der Bigotterie in Gemeinde und Stadt zu üben, war es dann doch nicht mehr so kuschlig. Danach ging meine Reise jedoch nicht gleich in Richtung Wissenschaft. Ich drehte in meinen Teenagerjahren eine ziemlich ausgedehnte Schleife über Esoterik und Buddhismus. Warum? Nun ja, erstmal sieht die Welt weniger böse und hart aus, wenn man sie durch liebe Worte abpudert. Und dann liebte ich Rituale ja immer noch. Und dieser ganze Achtsamkeits und Meditationskram tat mir gut. Mittlerweile weiß ich, dass diese Techniken auch abseits von esoterischem Geschwurbel ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Ich habe mir das beste aus diesen ganzen Gruppen erhalten und bin bis heute ziemlich gut in diesem Meditationsding. Rituale habe ich mir selbst geschaffen. Und schaffe ständig neue. Und ich besuche gerne Kirchen. Überall wo ich hinfahre, schaue ich mir die Kirchen an. Nur die alten, denn die sind häufig mit einer solchen Liebe zum Detail restauriert und ausgestattet, dass man sich gar nicht sattsehen kann. Ich hege außerdem eine Vorliebe für opulente Bleiglasfenster.

Was will ich euch eigentlich sagen? Mir fehlt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft manchmal etwas, was viele Menschen vermutlich in Religionen jedweder Art, sei es das Christentum oder Veganismus, suchen. Und das sind Wärme,Solidarität und das Gefühl, willkommen zu sein. Ich habe schon selbsternannte Schamanen besucht, bei denen es netter war als auf jeder Tagung. Lagerfeuer und gemeinsames Essen sind nun mal schön. Manchmal kommt mir die skeptische Bewegung und auch der Humanismus schrecklich kalt vor. Und aggressiv. Warum?

Ich sehe auch, mit welcher Kraft und Schnelligkeit sich die esoterischen Blödsinnsgedanken in der Gesellschaft ausbreiten. Doch ist dies ein Grund, sich harsch zu verteidigen? Wir haben eine Sicherheit im Rücken, die jede Kirche blass aussehen lässt. Die Wissenschaft. Naturgesetze. Was kann es unumstößlicheres geben, als das Gesetz der Falsifikation? Mit dieser Sicherheit im Rücken müsste es sich doch vollkommen entspannt argumentieren lassen, oder nicht?

Wenn wir möchten, dass nachfolgende Generationen oder auch die unsere nicht irgendwelchen vorzeitlichen Gedanken anheim fallen, sollten wir, egal in welcher Bewegung, ob der feministischen oder der skeptischen, der humanistischen, vielleicht einfach ein bisschen netter zueinander sein. Und nicht unterschätzen, welchen Unterschied Rituale machen können.

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2 Gedanken zu “Scherz beiseite – Rituale

  1. Falsifikation kann eigentlich keine SIcherheit geben, denn ich muss ja ständig angst haben, dass meine Erkenntnisse widerlegt werden. Da bietet mir die unwiderlegbare „Wahrheit“ von Religionen doch deutlich mehr Sicherheit.

    Das Problem ist ja auch bei den Religiösen bekannt, jede Kritik als Angriff auf ihr Weltbild sehen. Das zeigt aber dann auch wieder, absolute Sicherheit gibt es wohl nirgendwo. Außer man ist als Mensch sich seiner Sache so sicher, dass jedwede Kritik keine (subjektive) Gefahr darstellt. Man könnte sich ja einfach denken, gut er glaubt nicht, also kann er in der Hölle schmoren. 😉 Das geht natürlich ohne einen Gott eher nicht.

    Und wenn die „Religion“, also das eigene Weltbild indivudalisiert wird, dann wird auch die Kritik daran individualisiert. Dann ist das direkte Kritik an mir und nicht allgemein am Christentum, Islam oder sonst einer Weltanschauung. Man hat auch keine Kleriker mehr hinter einem, auf die man verweisen könnte. Damit ist dann direkt die eigene „Existenz“ in Gefahr, und darauf reagieren die Leute, verständlicherweise. recht ungehalten.

    P.S. Meine güte, das könnte ja fast schon ein eigener Blogeintrag werden. 😉

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  2. Das alles kann ich so unterschreiben. Na ja, bis auf das mit dem katholisch, denn ich bin ja evangelisch. Und ich sage bewusst bin, denn ich kann noch so atheistisch sein, ich bleibe auch evangelisch. Ich bin evangelisch sozialisiert, aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Ich bezeichne mich immer gern als evangelisch-atheistisch. Auch ich liebe Kirchen, ich liebe das Gebimmel der Glocken, natürlich die wunderschöne Orgelmusik und fühl mich in Kirchen richtig wohl (Die Menschen lassen einen dort in Ruhe und nerven nicht mit Aufdringlichkeit, außerdem flüstern sie da, das kommt mir alles sehr entgegen. :D). Ich glaube, dass die Atheistischen Menschen, neben all Ihren Erkentnissen die Menschlichkeit des Öfteren vergessen. Da hast Du vollkommen recht. Die Wärme. Die Güte. Die Nachsicht. Toller Text! 🙂

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