Selbstvermarktung für AntikapitalistInnen? – Vrouwel auf Bewerbungsbalz

Wie vielleicht schon zu euch durchgedrungen ist, bewerbe ich mich grade.

Es wird nicht mein erster Job, ich arbeite schon seit meiner Schulzeit nebenher, auch neben dem Studium, ich war auch schonmal sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ich habe Bewerbungen geschrieben und Vorstellungsgespräche absolviert. Nichts besonderes also? 

Diesmal ist gefühlt alles anders. Zum einen beende ich mein Studium und möchte promovieren. Zum anderen hat sich bei mir über die Jahre des Studiums eine Haltung gefestigt, die es nicht ganz so leicht macht, sich der neoliberalen Bewerbungsbalz zu unterwerfen.

Ich will mich also für Jobs empfehlen, ohne mich selbst so zu Markte zu tragen, dass ich meine Haltung verliere. Ähm. Well..

Momentan suche ich mir Jobs raus, schreibe total authentische Anschreiben und lege meinen Lebenslauf bei, der den Eindruck erweckt, ich sei nicht nur total übermotiviert, sondern auch ziemlich leicht zu haben und das auch noch günstig. Bisher alles ziemlich neoliberal. Natürlich habe ich Jobs die ich lieber will und Jobs die ich fürs Geld machen würde. Ebenfalls ziemlich normal. Denn klar, ich hab Erwerbsdruck. Nach September wartet auf mich das kuschlige Netz des SGB II Bezuges, nach Jahren der wohligen Wärme im Stipendiumskissenbergs eines der größten deutschen Förderwerke. Da bewirbt man sich dann auch mal auf Brotjobs.

Nicht falsch verstehen, ich will arbeiten. Ich arbeite gerne, meist viel zu viel und furchtbar engagiert. Ich hab nur irgendwie keinen Bock, meine Arbeitsleistung Leuten/Konzernen zur Verfügung stellen, die nur den Gewinn und nicht die Gesellschaft im Blick haben. Ich glaube nicht, dass ein Privatisieren von Gewinnen unsere Welt nach vorne bringt. Oder dass Verluste von denen getragen werden sollen, die es nicht verbockt haben. Solche Konzerne würden mich wohl aber eh nicht wollen.

Wie auch im Minimalismus vertrete ich für mich den Ansatz, dass Fundamentalismus niemanden weiterhilft. Und solange ich nicht für ein Atomkraftwerk oder einen Rüstungskonzern interne Propaganda machen soll, könnte ich auch noch verdammt gut schlafen. Ich glaube ich sagte es schon mal, Monopoly gewinnt man nicht, indem man laut Bingo schreit oder das Spielbrett aufisst.

Wenn ich mir was wünschen könnte, dann wünschte ich mir eine Arbeit, die Sinn macht. Die mich fordert, die was bewegt, die die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser macht. Wo ich forschen darf und mich einbringen. Wo man mich nicht in sinnlose Hierarchien und Strukturen quetscht, die einzig und allein den Sinn haben, den Phallus der vorgesetzten Person schwellen zu lassen. Und um diesen Job zu finden, schreibe ich weiter total authentische Bewerbungsschreiben zu meinem übermotivierten Lebenslauf. Denn um rauszufinden, ob das so ein Job ist, muss ich erstmal eingeladen werden.

Denn interessanterweise schreiben auch Leute, die gar kein Bock darauf haben, die Stellenanzeigen genau so. Als ginge es nur darum, möglichst günstige, übermotivierte Lemminge zum durchschleusen zu finden.

Da steig mal einer durch.

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Ein Gedanke zu “Selbstvermarktung für AntikapitalistInnen? – Vrouwel auf Bewerbungsbalz

  1. Ui, ist der Beitrag tatsächlich schon einen Monat alt? Bin mit dem Lesen meiner Blogliste offensichtlich weiter hinterher, als ich dachte… sei’s drum, was ich sagen wollte: ich finde es besser, wenn in den wichtigen Konzernen nicht nur Leute arbeiten, die mit „dem System“ voll einverstanden sind, sondern auch kritische Geister, die das entsprechend in ihre Arbeit einfließen lassen. Ja, man unterstütz damit das Gewinnstreben – aber man sorgt auch dafür, dass es nicht allzu unmenschlich wird. Und irgendeinen Kompromiss wird man immer eingehen müssen.

    Liebe Grüße, Frau Lotterfix

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