Heterogenität – Wir müssen reden!

„Netzwerk Heterogenität“

„Lernen in heterogenen Gruppen“

„Diversity“

Drei Schlagworte. Sie alle beschäftigen sich mit, ja mit was denn?

Heterogenität bedeutet Uneinheitlichkeit, das Gegenteil wäre Homogenität. Heterogenität ist übrigens nicht Diversity. Aber ich möchte nun nicht irgendwelche Lexika runterbeten, auch wenn ich sonst ein großes Fangirl der begrifflichen Schärfe bin.

Ich habe gesagt, wir müssen reden. Und hey, wir müssen wirklich dringend reden. Wir müssen über Macht und Gewalt reden. Und über Demokratie. Das ist alles sehr hässlich und ich will es kurz halten.

Wir sind ja, besonders in der Hochschulwelt und in der Bildungspolitik alle total reflektierte Menschen, wir reden davon, dass die Heterogenität der Studierenden zunimmt. Das sei eine Herausforderung für die Lehre und hey, ist doch total dufte, oder?Wir sind alle total aware und die Politik fordert und fördert eine Öffnung der Hochschulen.

Wisst ihr, was an solchen Tagungen und Podien, die sich mit der Heterogenität der Studierenden beschäftigen, so unglaublich falsch ist? Es wird über die mangelnden Fähigkeiten von Studierenden gesprochen, nicht über das warum. Als ob man sich total sicher sei, dass die die da jetzt kommen, die nicht die sind, an denen man die Studiengänge geplant hat (Zur Erinnerung: weiß, männlich, bürgerlich, finanziell abgesichert und mit entsprechender familiärer Vorbildung), also die alle nicht so sind wie man sie gerne hätte, total defizitäre Wesen sind. Denen geholfen werden muss. Fürsorglich, oder?

Der Kollege Lars Schmitt hat in Bezug auf Schule mal ein tolles Beispiel gebracht. Ich will es euch kurz beschreiben, es passt nämlich auch toll auf Uni. Ich habe es etwas ergänzt, weil er schon sehr viel Wissen voraussetzt.

Schule in Deutschland geht so: Wir werfen die Kinder (je nach Herkunft und „Ausstattung“) in unterschiedlich tiefe Brunnen. Und dann hängen wir jedem von ihnen ein Seil rein. Alle Seile sind gleich lang. Die, die wenig tiefe Brunnen haben, können sich das Seil schnappen und raufklettern. Sie bezeichnen wir als fleißig, bewundern ihre Kletterfähigkeiten und geben ihnen dafür ein Zertifikat. Sie werden es im Leben weit bringen, denn klettern, klettern ist das wichtigste in dieser Gesellschaft. Die Kinder, die sehr tiefe Brunnen haben, werden nicht an das Seil kommen. Wir werden ihnen sagen, dass ihre Kletterfähigkeiten leider nicht ausreichen, sie bekommen kein Zertifikat und vielleicht bezeichnen wir sie auch als faul. Ich meine, das Seil war ja da, sie hätten doch hochklettern können! Denn ab und an, man hat schon mal davon gehört, schafft es ein Kind aus dem tiefsten aller Brunnen ans Tageslicht.

Was wir da tun ist das Ausüben von Gewalt. Man schaue sich dazu auch mal Bourdieu an, aber verstehen lässt sich das auch ganz gut an diesem Beispiel. Wir (als Gesellschaft) schlagen die Kinder ja nicht. Im Gegenteil. Das ist auch keine körperliche Gewalt. Das ist symbolische. Diese Gewalt, hat mit den Machtverhältnissen zu tun, die wir unter dem Schleier der Gerechtigkeit verstecken. Und wir tun ja was. Und wir machen alle mit.

Und, diese Kinder (oder Studierende) die zeigen ja auch eine unterschiedliche Leistung. Ja, das ist richtig. Es lässt sich sehr viel einfacher die Treppe nehmen oder ein kurzes Stück klettern, als vier Meter hochspringen und dann noch ebenso viel an einem glitschigen, morschen Seil klettern. Da sieht man, wenn man dann jemals oben ankommt, schonmal etwas derangiert aus. Das ist kein empirisch haltbarer Unterschied in den Kletterfähigkeiten, auf die die so stolz sind, die selber die Treppe genommen haben. Leistung? Pff.

Aber diese Denkweise, das ist total bequem. Denn dann müssen die, die momentan die weniger tiefen Brunnen haben, nicht darüber nachdenken, dass ihr Erfolg vielleicht nicht ganz ihr eigener Verdienst ist. Auch oft, das finde ich ganz besonders schön, reden Menschen, die entweder zu den unwahrscheinlichen Glücksfällen gehören oder zu denen mit besonders flachen  und mit rutschfester Treppe versehenen Brunnen von „Qualität der Ausbildung“, die erhalten werden müsse. Man könne ja nicht jeden „durchziehen“. Wisst ihr, das ist verlogen. Das individualisiert das Problem. PISA und PIAAC, also selbst die OECD (die sicherlich nicht grade sozialistische Gleichheitsfantasien hegt…) stellt fest, dass wir ein handfestes Problem mit sozialer Ungleichheit haben. Die unsere Wirtschaftsleistung massiv beeinträchtigt. Anstatt aber diesen Kern des Problems anzugehen, reden wir über individuelle Probleme der Studierenden und Schülerinnen und Schüler. Das ist ein bisschen dämlich.

Wir müssen über Chancen reden, darüber, was es für eine Macht bedeutet, Zugang zu Ressourcen zu haben. Das ist nicht nur Geld, in unserem Beispiel könnten auch die richtige Art zu sprechen, die richtigen Hobbys oder der richtige Musikgeschmack die zwanzig Schubkarren Erde sein, die den Brunnen bereits vorher zuschütten. Das ist schwierig nachzuvollziehen,oder?

Ein Beispiel aus alten Tagen: Verarmter Landadel, der ist immer noch Adel. Und der Dorfpfarrer, der ist Teil des Klerus. Und auch heute, reden wir nicht über superreiche Sprösslinge mit Porsche. Deine Eltern sind LehrerInnen? Oder HandwerksmeisterInnen? Haben einen Industriebetrieb? Ich kann euch sagen, das sind relativ flache Brunnen.

Der Zugang zu diesen Ressourcen ist Macht. Macht über andere. Wir leben in einer Demokratie. Und wir haben (hoffentlich noch) einen Gesellschaftsanspruch, der nicht die Geburt über Wohl und Wehe eines Kindes entscheiden lassen will.

Wenn wir über Heterogenität reden, reden wir über die Dicke der Seile. Erst, wenn wir über Ungleichheit und Macht reden, reden wir über die Tiefe der Brunnen und die Länge der Seile.

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