Warum uns PISA am Arsch vorbeigehen sollte

Ich lese grade Kaddas neues Buch „Bitte freimachen“. Irgendwo spricht sie von der Helene-Lange Schule und dass das Lernen da so toll ist. Für die Kinder ist das sicher so. Es liest sich jedenfalls so, als wäre ich da auch gerne hingegangen.
Aber das ist ja in Deutschland für Bildung nicht ausschlaggebend. Wie Kinder sich fühlen.
Ich musste da an eine Arbeit denken, die ich vor ein paar Semestern angefertigt habe. Sie beschäftigte sich zwar mit der Erwachsenenversion von PISA, aber die Auswirkungen lassen sich so auch bei PISA finden. Im Gegenteil, PISA ist richtig schlimm. Weil auf der Basis einer Studie, die wirklich unzureichend ist, was die Eignung als Basis von Realpolitik betrifft, weitreichende Reformen losgetreten werden.
Also, superdupertoll, da wird ne Studie gemacht, die vergleicht die Leistungen aller Kinder (naja) über Ländergrenzen hinweg und macht endlich mal Leistung messbar! Klasse. Die PISA Studie wird durchgeführt und organisiert von Arbeitsgruppen der OECD und „Vor-Ort“ Teams, das genau Prozedere der Durchführung erspare ich euch hier, nur soviel: Die KollegInnen vor Ort sind jedes Mal begeistert, wenn Items nicht anpassbar sind und so weiter.
Wer ist die OECD? Wie immer müssen wir uns hier fragen, wer tut was/ warum/wann.
Es geht um wirtschaftliche Zusammenarbeit und interessanterweise findet sich (müsst ihr mal drauf achten) der Sprech der OECD (sie lieben das Wort „Employability“) nicht erst seit gestern extrem häufig in den internen Papieren, Memoranden etc. der zuständigen EU Kommissionen. Das allein ist schon spannend.
Eine Organisation, die die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Länder stärken und irgendwie auch steuern soll, durch umfangreiche Lobbyarbeit, macht was über Bildung. Warum? Weil ungebildete Menschen im Sinne von schlecht ausgebildet (Humboldt hat hier Sendepause) leider nicht tauglich sind, in einer Wirtschaft, die auf Innovation und Co. aus ist. Man braucht also eine Studie, die die Fähigkeiten der Kinder in Hinblick auf ihre spätere berufliche Verwertbarkeit beurteilt. Das sagt man natürlich nicht so direkt. Höchstens in ein, zwei Fachpublikationen und da heißt das dann „Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit“. Und das macht man dann mit verschiedenen Ländern, das löst in der Realpolitik so ein hübsches Wettrennen aus. Ist ja auch nicht auszuhalten, wenn das Nachbarland viel verwertbarer ist, als wir.
Vor ein paar Wochen brachten dann die Welt und dergleichen die Meldung, dass Finnland nicht mehr so toll abschneidet. Denen bricht die Leistung weg. Und zumindest deutet sich eine Nicht-nur-Korrelation zwischen Finnlands altem Schulsystem (autoritärer Lehrstil, Frontalunterricht etc.) und den damals erreichten Erfolgen ab. Seit den Reformen hin zu einer, wie ich persönlich finde, menschlicheren Schule, sind die Erfolge nicht mehr so prickelnd. Deutschland schneidet eh eher schlecht ab, hat aber in den letzten Jahren zumindest versucht, die skandinavischen Methoden zu übernehmen, bei gleichzeitiger Wahrung der preußischen Tugenden. Geht ja nicht ohne und  Reformpädagogik ist was für fußhaarrauchende Hippies.
Müssen wir jetzt wieder den Rohrstock rausholen? Frontalunterricht? Um vorne zu sein? Bildungseuropameister?
Bitte nicht. Wir sollten stattdessen einen Scheiß auf eine Studie geben, deren vorrangiger Sinn* es ist, den Wert einer schulische Ausbildung auf dem Weg zum Arbeitssubjekt zu bewerten. Ich bin zwar kinderlos, mag aber nicht einsehen und kann es mir auch nicht vorstellen, dass Eltern Kinder bekommen, um sie meistbietend an das wirtschaftlich erfolgreichste System als Arbeitssklaven zu verhökern. Jedenfalls nicht ohne Not.
In diesem Sinne könnten wir ja Bildung wieder als solche begreifen und den/die mündige BürgerIn zum höchsten Ziel erklären. Nicht die PISA-Goldmedaille im OECD Karnickelzuchtverein.
*Es gibt noch viel mehr Kritikpunkte, googelt dafür mal Thomas Jahncke oder Eckhard Klieme. Auch die statistische Validität steht ernsthaft in Zweifel. Sie misst also nicht mal, was sie messen soll.
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3 Gedanken zu “Warum uns PISA am Arsch vorbeigehen sollte

  1. Was Du sagst. Und: Strenge und Zwang hat bei mir letzlich nur zum ‚Schule schwänzen‘ geführt. Tolles Konzept! Ich habe also nur eine Sache wirklich in der Schule gelernt: Lügen! o/ Super, oder? „Manchmal muss man Kinder ja auch zwingen, damit sie was lernen, ne?“ (Junge) Menschen mit Angst zu Erziehen, ist ’n echt großartiges Konzept. Nicht. Wie wär’s, wenn Schulen für die Kinder da wären, und nicht für die Erwachsenen und ihre Studien? Aber was weiß ich schon.

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  2. „PISA-Goldmedaille im OEDC Karnickelzuchtverien“ ❤
    Das ist ein so poetischer Ausdruck für all den Scheiß, der in den allermeisten Bildungssystemen hier falsch läuft. Wir brauchen keine neoliberalen Arbeitssklaven, die mit 25 nach 3 hochbezahlten Jobs, 2 Abschlüssen und 10 Praktika mit Burnout in der Klinik landen und dazwischen fröhlich Flüchtlingen hinterherschreien, dass sie doch mal arbeiten gehen sollen. Wir brauchen selbstbestimmte, wertschätzende, zufriedene, entscheidungsfähige, verantwortungsvolle und empathische Menschen ohne Angst vor Veränderung oder den "Anderen".
    Wie schafft man das? Mehr und besser vorbereitete Lehrer, Sozialpädagogen, Psychologen, Therapeuten und sonstiges geschultes Betreuungspersonal an den Schulen, Schule als offener Lernraum statt Büffel-Gefängnis, keine vergleichenden Tests und Noten, mehr Flexibilität für individuelle Stärken und Schwächen (die sich je nach Bezugsperson und Alter noch extrem wandeln können), Zusammen Lernen gemischter Altersstufen, mehr Ruhe- und offene Gemeinschaftsräume, mehr Mitbestimmung und Selbstständigkeit… Leichter gesagt als getan. Aber zumindest diese Richtung einzuschlagen wäre doch schon mal was… schluchz.

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  3. Ich bin ja, Gott sei Dank, zu alt, um Pisa noch als Schülerin miterlebt zu haben. Trotzdem gab es auch zu meinen Schul- und Unizeiten (informelle) Vergleiche und versteckte Wettbewerbe.

    Was, Du gehst auf das Soundso-Gymnasium? Das ist doch das schlechteste der Stadt! Was, Du hast Abitur in (Bundesland mir schlechtem Ruf einsetzen) gemacht? Da bekommt man das Abi doch hinterhergeworfen! Wie, Du hast an der X-Uni studiert? Die kennt doch kein Mensch!

    Trotz scheinbar schlechter Voraussetzungen habe ich mich aber nicht als überdurchschnittlich lebensuntüchtig erwiesen, glaube ich. In der Schule habe ich das Lernen gelernt, in der Uni das analytische Denken, beides hat mir in meiner eher abenteuerlichen Berufslaufbahn geholfen. Schule und Studium sind eine Basis für die persönliche und berufliche Entwicklung, aber nicht der einzige Faktor für ein erfolgreiches (Berufs-)Leben. Wie auch immer man „erfolgreich“ für sich und seine besondere Lebenssituation definieren möchte.

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