Gastbeitrag – Von definierenden Mächten und Phobien

Heute habe ich einen Gastbeitrag von Myria LeJean für euch. Der Ansatz/Gedankengang in diesem Text ist absolut durchdenkenswert und hat mich persönlich in seiner Differenziertheit durchaus beeindruckt.

Gestern habe ich mich einmal wieder dazu verleiten lassen, im Internet zu „diskutieren“. Ja, ich weiß: das bringt nichts. Das gibt immer nur Narben und später fühlt mensch sich schlecht. Internet-Diskussionen sind der Big Mac des gesellschaftlichen Diskurses: eins weiß vorher, dass es die Finger davon lassen sollte, es kann trotzdem manchmal nicht daran vorbei gehen, es hofft jedes Mal, dass das Erlebnis besser ist als das vorherige, und danach hat eins nur wieder Magenschmerzen. Tja. Nun.

Also, worum ging es? Es ging mal wieder, zumindest im Endeffekt, um Definitionsmacht, aber auch um sprachlichen Essentialismus. Konkret ging es darum, ob die Verwendung von Wörtern wie „homophob“ oder „transphob“ einen Fall von „Ableismus“ darstelle und deshalb abzulehnen sei. Man verstehe mich nicht falsch, ich finde insbesondere den Terminus „homophob“ furchtbar und auch „transphob“ nicht wirklich gut, aber meine Gründe hierfür sind andere (s.u.).

Trotzdem finde ich den Ableismus-Ansatz tatsächlich hochgradig fragwürdig, um es in vorsichtige Worte zu kleiden. Was mich nun in die unschöne Lage bringt, gegenüber Menschen, die so argumentieren, letztlich eine Wortwahl zu „verteidigen“, die ich selbst ablehne. Dass ich die Worte eben nicht verteidige, sondern lediglich die in bestimmten Kreisen gängige Argumentation dagegen nicht zielführend und eher schädlich finde: geschenkt. Der Vorwurf, den ich mir gestern natürlich prompt einfing, war wenig überraschend, ich argumentierte halt „dafür“ und fertig. Womit ich natürlich von vorneherein hätte rechnen müssen und die Schnauze halten, aber wie eingangs erwähnt gelingt mir das halt nicht immer.

Nun. Wer jetzt noch nicht eingeschlafen ist und es immer noch wissen will: warum sind also „homophob“ und „transphob“ zwar scheiße, aber nicht ableistisch?

Zunächst einmal: Ableismus ist die Geisteshaltung, in der „gesunde“ Menschen als der Normalfall angesehen werden, oder wenn eins z.B. implizit beHinderten Menschen weniger Entscheidungskompetenz zutraut. Wenn ein öffentliches Gebäude keine Rollstuhl-Rampe besitzt: das ist Ableismus. Wenn im Krankenhaus die Ärztin sich ständig mit der Begleitperson unterhält anstatt mit der Patientin: das ist Ableismus. Wenn der Amtsmitarbeiter den Autisten behandelt, als sei dieser ein verstehensunfähiges Kind: das ist Ableismus. Ich spare mir weitere Beispiele; es sollte klar sein, worum es geht. Ableismus existiert und ist so real wie Rassismus und Sexismus.

Aber was hat all das nun mit auf „-phob“ endenden Wörtern zu tun? Nun, das Argument, dass das Suffix generell ableistisch sei, macht Gebrauch von zwei argumentativen Kniffen. Erstens wird sprachlicher Essentialismus unterstellt, das heißt die Annahme vorausgesetzt, dass Wörter niemals in verschiedenem Zusammenhang die Bedeutung wechseln, und dass Wortbestandteile in allen Wörtern, in denen sie vorkommen, dieselbe Bedeutung haben; kurz gesagt komme es nicht auf den Zusammenhang an. Zweitens wird wie bereits erwähnt Definitionsmachtangewendet, dazu kommen wir weiter unten.

Im vorliegenden Fall ist Grundlage des ganzen Arguments die These, dass „-phob“ grundsätzlich eine Phobie im psychologischen Sinne bezeichne. Das ist allerdings schon rein sachlich unrichtig. Einerseits gibt es andere gesundheitliche Störungen wie zum Beispiel die Photophobie sowie andere naturwissenschaftliche Verwendungen wie „hydrophob“, andererseits listet u.a. der Duden eine ganze Reihe von weiteren Wortverwendungen: anglophob, neophob, technophob oder xenophob sind nur einige Beispiele, die ich recht schnell finden konnte. „Neophobie“ beschreibt beispielsweise das impulsive Fluchtverhalten von Ratten, wenn diese auf plötzliche Veränderungen in ihrem Revier stoßen, Anglophobie eine starke Abneigung gegen Anglizismen und angelsächsische Kultur.

Nun könnte mensch also schlicht akzeptieren, dass es unterschiedliche Verwendungen gibt, Sprache ist einfach unlogisch und nicht immer „sauber“. Oder mensch kann versuchen, die Sprache zu „bereinigen“, und genau das wird von Sprachessentialisten letztlich propagiert. Aus sprachlichem Essentialismus erwachsen auch z.B. Wortverbote, ohne dass mensch jemals auf den Zusammenhang schauen muss oder darf. Wodurch letzlich auch sogar Sarkasmus quasi-verboten wird, der ja durchaus bitterste Kritik an etwas darstellen kann, dabei aber natürlich den Sprachgebrauch des kritisierten Themas subversiv angreift.

Aus der essentialistischen Sicht wird allerdings davon ausgegangen, dass sarkastische Sprachverwendung beispielsweise von rassistischem Vokabular letzteres durch Reproduktion quasi normalisiere, also akzeptabler mache, ganz gleich welche Intention eigentlich verfolgt wird: Subversivität existiert schlicht nicht. Diese Einstellung ignoriert meiner Meinung nach, wie natürliche Sprache funktioniert, ist zumindest sehr simplizistisch gedacht und in der grundsätzlichen Haltung intolerant. Vor allem aber verweigert es dem Gegenüber den Respekt, zumindest zu versuchen, die Intention hinter einer Rede zu ergründen.

Der zweite Argumentations-Kniff ist die „Definitionsmacht“. Auf Diskurse angewendet, heißt DefMa letztlich, dass Mitglieder einer marginalisierten Gruppe selbst als Einzigen die Kompetenz zugestanden wird, ihre Ausgrenzung zu thematisieren, zu diskutieren und sogar: zu definieren. Ein Hinterfragen ist dem Rest der Gesellschaft verboten, denn: als Nichtmitglied der jeweiligen Gruppe bin ich per Definition „privilegiert“. DefMa dient einem einzigen Zweck: jeglichen Diskurs zu ersetzen durch „ich habe Recht“. Es ist letztlich ein argumentum ad hominem: ich verbiete jemand anderem die eigene Meinung (oder zumindest die Äußerung dieser Meinung), und das tue ich alleinig aufgrund von Eigenschaften der Person an sich. Wenn eins sich das einmal genau betrachtet, ist das Konzept eigentlich nicht eben tolerant oder „offen“, eher im Gegenteil.

Der Witz dabei ist, dass die Entscheidung, wer für sich DefMa in Anspruch nehmen darf, vorher eigentlich bereits implizit gefallen ist, was einen Widerspruch zur quasioffiziellen Definition darstellt, nach der ja jede*r selbst definieren dürfe, was wie ausgrenzend wirkt. Und um „mitreden“ zu dürfen (manchmal auch nur, um anwesend sein zu dürfen), ist mitunter vorher ein nicht wirklich freiwilliges Outing erforderlich. Ist das Toleranz? Wirklich?

Es wird dabei auch gar nicht berücksichtigt, was passiert, wenn Mitglieder einer wie auch immer gearteten Gruppe unterschiedlicher Meinung sind. Person 1 sagt „lasst das, ich fühle mich unterdrückt“ und Person 2 sagt „ach was, ist doch okay“. Und dann? Dann gilt, wenn mensch mal konsequent ist, immer der kleinste gemeinsame Nenner, darf die Gesellschaft also wirklich immer nur tun, bei dem niemand sich unterdrückt fühlt. Also im Endeffekt: gar nichts mehr.

Unter dem Strich funktionieren Definitionsmacht und Sprach-Essentialismus nur, wenn vorher sichergestellt ist, dass die Gesellschaft großteils meinungshomogen ist. Bei leichten Abweichungen wirken die Mechanismen zusammen als totalitäres Vehikel, das Konformanz erzwingt. Mit anderen Worten: Verfechter von Definitionsmacht wollen gar keine echte Toleranz. Definitionsmacht will lieber Einigkeit und Homogenität, intellektuelle Reinheit ist also effektiv das Ziel.

Kommen wir abschließend damit noch einmal auf das Beispiel der „-phob“-Wörter zurück. Sie werden also von einigen Menschen als ableistisch bezeichnet, weil (1) das Suffix zwingend psychopathologisierend gelesen wird, (2) die derartige als Zweckentfremdung empfundene Verwendung von „psychologischer“ Sprache als herabsetzend für Menschen mit psychischen Erkrankungen interpretiert wird, und (3) die Definitionsmacht über diese Frage in Anspruch genommen wird.

Ähnliche Argumentationsweisen finden sich übrigens auch, wenn es um psychologisch vorbelastete Begriffe wie „schwachsinnig“ oder „idiotisch“ geht, selbst wenn man diese gar nicht direkt auf Personen anwendet sondern „nur“ auf Verhaltensweisen. Die Verwendung dieser Wörter sei herabsetzend für Menschen mit Erkrankungen und BeHinderungen, fördere deshalb den gesellschaftlich verankerten Ableismus (hier kommt zum sprachlichen Essentialismus eine große Portion Sozialkonstruktivismus hinzu) und sei daher insgesamt abzulehnen. Selbst einen Baum z.B. als „verkrüppelt“ zu bezeichnen, ist in dieser Lesart selbstverständlich unmöglich.

Also… wenn Essentialismus eher semigut ist, sind dann „homophob“ und „transphob“ total supi? Natürlich nicht. Sie wirken verharmlosend und auch stark ausblendend. Denn die meisten Menschen sprechen leider von „homophob“, wenn sie eigentlich eine feindliche Einstellung gegenüber allem meinen, das nicht dyadisch, cis und heteronormativ (vulgo „normal“) ist; gemeint sind dann also Schwule, Lesben, Bi- und Pansexuelle genauso wie Polys, Transgender oder intersexuelle Menschen. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang lieber von „queer- und transfeindlichen“ Einstellungen. Ich schreibe das tatsächlich öfters so lang aus, weil insbesondere trans (und intersexuelle) Menschen oft trotzdem ausgeblendet werden, selbst wenn eins das eigentlich unspezifische Wort „queer“ verwendet.

Von Feindlichkeit oder auch mitunter von Hass zu sprechen, macht jedenfalls meiner Ansicht nach viel klarer, worum es überhaupt geht. Und frei nach einem alten Sprichwort: wenn es sich verhält wie ein Arschloch und redet wie ein Arschloch, dann nenne ich es auch so.

Trotzdem. Trotzdem. Auch wenn ich also „-phob“-Wörter im Zusammenhang mit Ausgrenzung wirklich nicht toll finde, habe ich tatsächlich Besseres zu tun, als Personen (oder sogar Interessensverbänden), die beispielsweise Werbung für den IDAHOT machen (den „International Day Against Homophobia, Transphobia and Biphobia“), erst einmal die „korrekten“ Begrifflichkeiten zu activisplainen. Kann eins natürlich machen, ist aber vorsichtig ausgedrückt nicht wirklich zielführend.

Übrigens ist genau diese totalitäre Saat in Teilen des Aktivismus, dieser Wunsch nach moralischer, intellektueller und gesellschaftlicher Einigkeit, Reinheit und Homogenität (anstelle tatsächlicher Toleranz für verschiedene Lebensrealitäten und Meinungen) letztlich die Basis für die beliebte Verschwörungstheorie auf rechter Seite, der zufolge die „Social Justice Warriors“ die Weltherrschaft an sich reißen, unsere Kinder sexualisieren und uns dann alle „genderisieren“ wollen. Auch aus diesem Grund: not my activism. Sorry.

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