Sie standen einfach so da. 

Als in der Türkei der, mittlerweile gescheiterte, Putsch begann, saß ich nichtsahnend bei einem Pen&Paper Rollenspiel und war der Weltlage und vor allem den Ereignissen von Nizza erstmal entflohen. Auf dem Weg überflog ich meine Timeline und wollte erst nicht richtig glauben, was da stand. Als ich zu Hause angekommen war, rollten bereits Panzer durch meine Timeline und die ersten Schüsse waren gefallen. 

Wie selbstverständlich bei solchen Vorkommnissen weiß man erstmal nicht genau, wer von den Bekannten sicher ist, wer grad in der Türkei ist und wer schon wieder zu Hause. Und weil man niemanden erreicht, hat man unglaublich viel Zeit, CNN und euronews (dessen Moderator übrigens einen wirklich großartigen Job gemacht hat) zu schauen und die Timeline alle paar Sekunden zu aktualisieren. Ich war geschockt, nicht weil die Videos die ich zu sehen bekam so unglaublich brutal waren, man stumpft ja durchaus ab, die ungleichen Machtverhältnisse in diesem Kampf waren es, die mich völlig starr werden ließen.

Das war nicht die deutsche Polizei mit ein paar Wasserwerfern und Tränengas. Das war das Militär eines NATO Mitgliedsstaates. Mit Maschinengewehren, Raketen und hübschen, deutschen Leopard II Panzern. Teile des türkische Militärs, sich traditionell selbst verstehend als Hüterin der laizistischen Verfassung, wendet sich gegen die Polizei und gegen das Volk. Das war ein Machtmoment, das für mich sehr schwer auszuhalten war. Ich bin zwar links, natürlich kein Fan von Erdogans Politik, aber ebensowenig will ich Panzer durch Wohngebiete rollen sehen. Ich will auch nicht hören, dass ein demokratisch gewählter Machtinhaber seine unbewaffnete Anhängerschaft auf die Straßen schickt um sich gegen das Militär zu stellen. Während er selbst in Sicherheit ist.

Innerhalb dieser Nacht wurde mir mehrfach ein Video aus Istanbul (?) in die Timeline gespült. Darauf sieht man eine halbdunkle Straße, links einen Panzer und mehrere Soldaten mit Maschinengewehren. Rechts von diesen eine Ansammlung Demonstranten. Zum Zeitpunkt dieses Videos waren bereits Menschen erschossen worden und Soldaten hatten auf  demonstrierende Anhänger Erdogans geschossen.

Die Soldaten schossen in die Luft, Warnschüsse. Und die Demonstrierenden, sie standen einfach nur da. Ließen sich in ihrem Tun nicht beirren und skandierten weiter. Sie standen einfach da. Als gäbe es die Möglichkeit, erschossen zu werden nicht. Als würden Soldaten nicht auf Menschen schießen. Oder als sei das hinnehmbar. Als sei der Tod hinnehmbar für den Ausdruck der eigenen politischen Meinung dieser Nacht, für eine Regierung Erdogans oder einfach nur für eine Ende des Putsches. Ich war…, wie drückt man das aus? Beeindruckt klingt viel zu positiv, erschüttert bildet nicht ab, was ich fühlte.

Ich fand es irgendwas zwischen unfassbar mutig und zugleich unfassbar dumm, sich unbewaffnet gegen Soldaten mit Maschinenpistolen zu stellen. Ich war erschrocken, wie weit Personenkult reicht, obwohl mir das natürlich eigentlich klar ist. Ich fragte mich, ob ich mich für meine politischen Überzeugungen an diese Stelle gestellt hätte. Oder ob ich zugesehen hätte, mich und meine Angehörgen aus der Stadt zu schaffen.

Natürlich hat die Bereitschaft für seine politischen Ideale zu sterben historisch betrachtet ein sehr heroisches Moment. Wenn sich jemand einer Sache völlig verpflichtet, sein Leben dafür gibt oder bereit ist zu geben, ist das nicht die ultimative  Form von Commitment? Der Tod als zumindest hingenommenes Mittel des politischen Kampfes ist für mich aber auch etwas anderes. Er ist unglaublich kurzsichtig. Wenn ich für etwas bereit bin zu sterben und das auch, wie die Demonstrierenden dieses Abends, durchaus in Kauf nehme, dann ist das wohl eine sehr einmalige Geschichte. Ich werde nie wieder wirken. Ich überlasse das Feld denen, gegen die ich kämpfe. Und ich habe auch auf meine Bewegung/Partei/was auch immer keinen Einfluss mehr. Ich will es nicht als dumm brandmarken, ich gebe nur zu bedenken, dass der Tod der Geschwister Scholl nicht das dritte Reich beendet hat und Selbstmordattentäter des IS weit davon entfernt sind, hier oder zum Beispiel in Nizza, ihre Flagge zu hissen. Ein einzelner Tod hat selten großes Gewicht.

Sollte man also in Erwägung ziehen, für eine Sache zu sterben, sollte wohlüberlegt sein, wofür man das machtvollste aufgibt, was man hat. Die Möglichkeit, über die Zeit einen Unterschied zu machen.

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