#traditionaltuesdayRant Raus aus dem Internet, ab auf den Baum!

So oder so ähnlich komme ich mir in letzter Zeit immer öfter vor, wenn ich die Ratschläge diverser Blogs, Podcasts, Magazine und ich weiß nicht was noch alles lese. Da werde ich ein bisschen wütend.

Das Heilmittel meiner Zeit scheint es zu sein, den Stecker zu ziehen.

Ich befürchte, das ist verdammtes Snakeoil, was man uns da versucht anzudrehen. Ohne das Internet würde ich Dreiviertel meines sozialen Umfeldes nicht mal kennen, geschweige denn, dass ich in jeder Lebenslage jemanden kennen würde, den ich anrufen, anschreiben kann.

Mir ist auch nicht ganz klar, warum immer jemand körperlich bei einem sein muss, um Trost zu spenden? Warum Worte mit Tinte auf Papier mehr wert sein sollen, als die nächtlichen Zeilen im Messenger? Sind Gefühle im Internet nicht echt? Bilde ich mir das alles nur ein? Sollte dem so sein, dann habe ich mir das letzte Mal, als ich mein soziales Netz wirklich brauchte, eine Menge zusammengesponnen. Menschen, die quasi rund um die Uhr erreichbar waren, die mich getröstet haben, die mich aufgemuntert haben.

Nun geht es in diesen ganzen Artikeln, in denen ich Internetfasten praktizieren soll, mein Smartphone ausschalten soll, um Stress. Das Internet stresst uns und deshalb muss das weg. In die Bibliothek hetzen, mich mit anderen um die einzige Ausgabe eines Buches prügeln, die Kopierkarte verlieren und am Ende ohne Aufsatz dastehen, das stresst mich persönlich ja mehr.

Wenn ich das nicht völlig falsch verstanden habe, dann hat Resilienz, die in diesen Artikeln so oft zur Sprache kommt, ganz viel mit Selbstwirksamkeitserwartung zu tun. Mit meiner Einstellung, Probleme anzugehen. Und mit Unterstützung durch das Umfeld. Ich bin ein kleiner Nerd, ich hätte ohne das Internet wahrscheinlich nicht mal annähernd ein so dichtes und verständiges Umfeld! Ich wäre direkt von der „seltsamer Teenie“ in die „Crazy Cat Lady“ Phase übergegangen, ohne an Unterstützung dazu zugewinnen. Ich hätte sicherlich niemals so viele Eindrücke gewinnen können, so viel Neues sehen und lernen können, ohne das alles.

Die Forderungen nach Offlinezeiten nerven mich, sie missverstehen das Problem einsamer und überforderter Menschen in unserer Gesellschaft und sind Ausdruck einer zutiefst klassistischen, so rückwärts gewandten Haltung, getarnt als nachhaltiges Postwachstumskonzept mit Achtsamkeitslack.

Ich unterschätze sicherlich nicht die Probleme, die durch Entgrenzung von Arbeit, Hatespeech in Netzwerken oder ähnlichem entstehen, aber ich komme beileibe nicht auf die Idee, dass das Internet das Problem sei. Ich mache ja auch nicht die Pfanne verantwortlich, wenn ich mein Essen versalzen habe.

Geht, geht in dieses Offline, geht zurück auf den Baum. Aber lasst mir meine Internetleitung.

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2 Gedanken zu “#traditionaltuesdayRant Raus aus dem Internet, ab auf den Baum!

  1. Nuja, als Lehrer kennt man solche Ratschläge auch. Allerdings eher als Formulierung der besten Problembewältigungsvermeidungsstrategie: wir verbieten einfach was oder raten davon ab. Im Endeffekt ist das doch nur Sexabstinenz in anderem Gewand.

    Ja, social media kann belasten und man muss seine Mediennutzung managen. Das bedeutet dann: Medienkompetenz tut Not und wie man sehen kann, auch bei den Erwachsenen. Medienkompetenz ist dann auch das Mittel zur Resilienzbeschaffung. Die Idee, allen einfach zu raten, dass mit der modernen Kommunikation sein zu lassen ist halt der puritanisch-konservative Klassiker, bei dem versucht wird eine Änderung der Umstände durch Ignorieren zu bewältigen anstatt durch Analyse und Anpassung.

    Gefällt 1 Person

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