Großer Diskurs möge sein!

Das soziologische Kaffeekränzchen sieht weiterhin nicht davon ab, Rundbriefe zu schreiben. Die letzten Beiträge hierzu waren vom Sozioblogen, der den Diskurs groß machen wollte und Advi, der suchte, wo der Diskurs nun abgeblieben sei. Nun bin ich wieder dran. Weitere Beiträge finden sich unter meiner Kategorie Kaffeekränzchen.

 

Ich bin ein Fan von Diskurs, das dürfte kein Geheimnis mehr sein. Ich diskutiere leidenschaftlich gerne und bin nicht nur fähig, sondern vor allem auch bereit, mich auf unterschiedliche Arten der Kommunikation einzulassen (diese im Zweifel auch zu fnorden, gerne mit Menschen die glauben, Diskussionen müsse man gewinnen). Hier ist es wichtig, dass ich von „Arten der Kommunikation“ spreche. Ich finde es nämlich wirklich unsäglich elitär und unnütz, wenn Kommunikationsstile als schlechter oder besser bewertet werden, je nach (gern auch akademischer) Privilegierung der Beteiligten.

Das Überzeugen spricht auch der Soziobloge an: „Die Zielsetzung ist natürlich, den jeweils anderen von seiner Meinung zu überzeugen. Und das ist einerseits verständlich, birgt aber auch eine Gefahr. Nämlich dann, wenn es zu einer Erwartungshaltung wird.“ 

Ich sehe diese Gefahr ebenso. Und sie war mir zum Teil nicht mal bewusst. Ich begriff Diskussionen bisher viel zu oft als Austausch, nicht als Duell. Ich fand Debattierclubs mit Gewinner*innen immer so hübsch absurd, weil jemand die Qualität von Argumenten maß und danach die gewinnende Partei feststellte. Ohne Austausch. Höchstens ein Schlagabtausch.

Ich bin da naiv und ich scheine in bester Gesellschaft. Gregor Gysi beschrieb in einer seiner Bundestagsreden Politik mal als Aushandlungsprozess. Dass Parteien unterschiedliche Wählergruppen im Bundestag repräsentieren und diese dann in Diskussion und Austausch zur besten Lösung für alle kommen sollten… Ihr seht, ich bin nicht allein und habe beileibe nicht so schöne und utopische Wünsche wie Herr Gysi.

Und da bin ich wieder beim Sozioblogen, der darauf pocht, völlig zu Recht, dass Politik eben auch heiße , dass man klar machen muss wofür man steht. Exakt das ist die Voraussetzung für einen politischen Diskurs, wie er Gysi vorschwebt. Ich finde das wahnsinnig attraktiv, sich austauschen, einen tauglichen Kompromiss finden, der niemanden zurücklässt. Naiv ist heute sehr stark in mir.

Und da lese ich advi und merke, auch er hat Recht, wenn er sich auf die Spuren des verlorengegangenen Diskurses begibt. Im ersten Moment las sich der Beitrag etwas digital-feindlich, doch ich glaube verstanden zu haben worum es geht. Um den nicht mehr zwangsweisen Austausch im selben Raum. Selbst Twitter ist eine Vielzahl solcher Räume.

„Da die sozialen Medien dazu neigen den Nutzern nur Inhalte vorzuzeigen, die zur eigenen Weltwahrnehmung passen, also werden andere Weltsichten so antagonisiert, dass sie nur noch böse sind. Die einfachen Lösungen halt. Es wird aufgrund der enormen sozialen Beweislast gedacht, dass man selbst definitiv nicht falsch liegen kann, weil alle anderen es ja auch so sehen.“

Es ist die Zementierung der Filterblasen in der digitalen und analogen Welt, eine Welt, in der echter Journalismus dazu neigt, sich hinter Paywalls zu verstecken und Facebook sich nicht wirklich genötigt sieht, gegen Fakenews vorzugehen. Und dabei sehe ich gar nicht die Schwierigkeit, dass im analogen Raum nicht mehr diskutiert wird. Ich glaube nicht, dass es daran liegt. Ich habe eher die Hypothese, dass Diskurs so fremd geworden ist, dass abweichende Meinungen, wie es zum Beispiel an Esoterikkreisen bereits gezeigt werden konnte, zur Stärkung der Filterblase genutzt werden. So schön passend zur Theorie des „postfaktischen Zeitalters“.

Und doch höre und lese ich Stimmen, die darauf hinweisen, dass es mit den rechten Stimmen in der heutigen Gesellschaft und Politiklandschaft eh keinen Diskurs geben kann, dass es heißt, wir oder die. Ich befürchte, dass das der momentanen Realität deutlich näher kommt. Mit rechts-extremistischem Gedankengut ist nicht zu verhandeln, weil es menschenfeindlich ist. Und dabei ist es egal, wie weit diese Einstellungen in die „Mitte“ eingesickert sind, sie werden dadurch nicht verhandelbarer. Doch wenn mit den Einstellungen von dreißig bis teilweise fast siebzig Prozent der Bevölkerung nicht mehr zu verhandeln ist? Wie funktioniert Demokratie wenn große Teile der Bevölkerung sie nicht mehr wollen? Weil sie zum Teil nicht wissen, wie es geht?

Ich gebe zurück an das soziologische Kaffeekränzchen!

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s