Erkenntnisse einer Doktorandin

Nicht genug zu sein.

Heute also mal wieder privat und weniger politisch. Muss auch mal sein.

Als ich mit meinem Studium fertig war, sagte mir eine Freundin, ihr Freundeskreis bestehe nur noch aus Menschen ihres Fachs. Sie stand am Ende ihrer Doktorarbeit und war der festen Überzeugung, am Ende blieben nur die, die was ähnliches machen wie man selbst. Mir war zu dem Zeitpunkt bereits so mehr oder weniger klar, dass ich promovieren wollen würde. Ich hab innerlich etwas den Kopf geschüttelt. Warum sollten Leute gehen, bloß weil man etwas macht, was die nicht nachvollziehen können? Man hat doch Verständnis? Dachte ich so.

Nun ist bei mir fast Halbzeit. Ich habe Ende 2015 angefangen, mein Vertrag geht bis Ende 2018. Zeit für ein Zwischenfazit.

Disclaimer:

Ich bin eine äußerst resiliente Person, gut strukturiert und äußerst effizient. Und trotzdem. Irgendwer ist momentan immer pissed.

„Du hast aber momentan echt wenig Zeit für mich“ 

„Du kannst ruhig sagen wenn du keine Lust hast mich zu sehen“ 

„Die Arbeit ist dir wohl wichtiger als ich“ 

Entweder das. Oder Kritik im Büro. Nie sind beide Seiten zufrieden. Aber es gibt eine Grenze des Leistbaren. Irgendwann ist Schluss. Und dann wird das Feld zuerst bedient, welches dringlicher ist. Und das ist bei mir eigentlich häufig die Diss und alles was damit so zusammenhängt. Und das kann man manchmal halt nicht ändern, ohne gleich das ganze Haus abzureißen. Die, die es versteht, promoviert selbst. Die anderen, die es wirklich verstehen, haben promoviert. Ich bin eine von denen, die es aus dem Arbeitermilieu in den Elfenbeinturm geschafft hat. Meine Eltern sind ein wenig entsetzt über mein Arbeitspensum. Ich komme an sich gut zurecht. Nur die ständigen Vorwürfe sind etwas nervig. Und irgendwie das schlimmste am Ganzen. Du balancierst zwischen zwei Stühlen und bist beiden nicht genug.

So langsam fängt das an, an mir zu nagen. Diese ständige Rückmeldung, dass man nicht genügt, obwohl man an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit rackert. Als würde die eigene Leistung nicht zählen. Die Wertschätzung bleibt aus. Die Arbeit bleibt ungesehen.

Ich bin sicherlich keine, die sagt, Menschen die nicht studiert haben, verstehen einen nicht. Wirklich nicht. Und doch muss ich heute zugeben, dass bei denen, die nicht studiert haben, das Verständnis eher gering ist. Die kennen sowas wie Feierabend, ungestörte Wochenenden und erzählen mir, dass ich ja eigentlich nur zu Hause sei. Spannend. Und nervig. Es scheint, das Verständnis nur so weit reicht, wie man selbst sehen kann. Danach braucht es Empathie. Und die scheint mir ja so oder so Mangelware in dieser Welt.

Andererseits ist die Betrachtung, dass meine Diss ein äußerst seltsames Hobby ist, welches sich kein Mensch freiwillig antut, irgendwie nicht so verkehrt. Ich meine, wer promoviert denn freiwillig? Alle die ich kenne, sind etwas durch. Spätestens danach hat man definitiv die ein oder andere, mehr oder weniger nützliche Macke.

Die ersten Leute sind mittlerweile weg, ich bin gespannt wer am Ende meiner Diss noch da ist. Wer mir kurz vor Abgabe Tee kocht und Taschentücher kauft. Ich denke mit diesen Menschen übersteht man dann aber auch fast jede weitere Krise.

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2 Gedanken zu “Erkenntnisse einer Doktorandin

  1. Deine Beobachtungen sind völlig wahr.
    Meine Zeit als Doktorand fängt (hoffentlich) zwar demnächst erst an, aber auch mit den Erfahrungen aus dem Studium und den Menschen mit denen ich bis jetzt zu tun hatte, kann ich dir nur uneingeschränkt zustimmen.

    Gefällt mir

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