or die trying – Perfektionismus im Aktivismus

vegan.nowaste.feministisch.minimalistisch.antirassistisch.nachhaltig.whatever.

Die Liste der Aktivitäten und Einstellungen, die eins so als „guter Mensch“ zu vollführen hat, ist verdammt lang. Und kompliziert und manchmal beißt sich Punkt 13 mit Punkt 4.

Wenn zum Beispiel die Kuhmilch in einer Pfandflasche ist, der Sojadrink aber im Tetrapack, was machst du? Entweder die vegan Police kommt oder du kannst deinen No Waste Orden im neu eröffneten Wertstoffsack versenken. 

Manche Sachen sind wirklich ne Menge Aufwand wert. Nicht rassistisch zu sprechen oder Rassismen nicht unwidersprochen zu lassen, das ist super wichtig. Auch feministisches Handeln, wirklich wichtig. Doch, manchmal denke ich, übertreiben wir es. Nicht mit Feminismus, das macht schon vom Begriff her wenig Sinn. Wie kann man die Gleichberechtigung der Geschlechter übertreiben? Oder es beim Abbau von Diskriminierungen übertreiben? Lassen wir das.

Ich meine all die kleinen Dinge, die man am besten perfekt tun soll, um die Welt zu retten.

No Waste. Gar keinen Müll mehr? Find ich an sich ja wirklich gut. Ich gehöre auch zu denen, die stets versuchen a) weniger zu konsumieren und b) unnötigen Müll zu reduzieren. Aber ich habe Fragen. Wirklich einige. Ein paar die mir auf der Seele brennen.

Erstmal: Ihr Zahnpastarührer*innen, habt ihr keine Angst, dass euch die Zähne ausfallen? Oder esst ihr ganz viel Salz? Und dann, die Frage treibt mich wirklich um. Ihr Menschen die Einweckgläser mit euerm Müll hochhaltet: Wo zum Teufel ist euer Kehricht? Dass ihr keinen Staubsauger besitzt, ok, das mag sein, aber wo ist dann der Kehricht? Das ist Restmüll, das gehört nicht in die Biotonne, nicht auf den Kompost, das ist Restmüll. Wo ist er? Im Glas ist er nicht. Habt ihr keinen Staub zu Hause? Genauso frage ich mich ernsthaft, ob ein veganer Mensch jemals eine vegan Zertifizierung von diesen kuhhornverbuddelnden Demeter-Esos ernst nehmen kann? Die „Vegan-Blume“ müsste sich doch schämen. Prozessvegan aber Demeter?

Plastikfrei ist auch so ein Ding. Überall wo Plastik unnötig ist, bin ich gern bereit, die Öl-Vorkommen noch ein wenig zu schonen. Aber ne Zahnbürste für drei Euro? Wer soll sich das leisten können? Will ich wirklich auf meine Medikamente verzichten? Oder im Krankenhaus Mehrweg-Spritzen? Grad letzteres wäre ich schon froh zu vermeiden. Wirklich.

Ich habe am Montag die Last Week Tonight Folge zum Paris Agreement geschaut. Und ich hatte danach das dringende Bedürfnis, meinen CO2 Fußabdruck noch weiter zu reduzieren. Das ist so ein Ding bei mir, da hab ich immer noch ein wenig Spaß dran. Leider hab ich all die wichtigen Dinge, die wirklich einen Unterschied machen, schon gemacht. Deshalb war das etwas sinnlos, da noch weiter zu schrauben. Ich hab auch schonmal drüber nachgedacht, über diese Frontlinien, die nicht zu viel werden dürfen und die man wählen muss. Nicht jeder von uns ist CO2 so wichtig wie mir. Manche wollen oder können nicht aufs Auto verzichten. Die machen dafür anderes. Und das ist gut so. Wir würden ziemlich viel fürs Klima und die Gesellschaft erreichen, wenn jede/r von uns ein bisschen was macht. Ein bisschen weniger Auto fährt, ein bisschen weniger Fleisch isst, ein bisschen weniger Einwegverpackungen mit nach Hause trägt. Stattdessen ackern sich ein paar  Einzelne verbissen an ihren 100% ab und schauen fleißig-verachtend auf die herab, die ihre Frontlinie woanders haben. Woraufhin natürlich diese noch mal extra viel weniger Bock haben, sich zu bewegen. Verständlicherweise.

Ich hab auf meinen Kram Bock. Ich grübele manchmal ganz schön lange um noch ein bisschen mehr zu machen. Noch ein bisschen weniger Müll, noch ein bisschen weniger Strom verbrauchen, bisschen Wasser sparen und so ein festes Shampoo wäre echt knorke. Aber ich mag das. Und ich versuche nicht scheiße zu Leuten zu sein, die das nicht machen. Ich bring was leckeres zu Essen mit und sag hier einfach nichts dazu, dass es in meinem Bad nur ein Seifenstück am Waschbecken gibt. Ich sag höchstens sowas wie „Denk dran, ich hab nur Sojamilch“- wenn jemand zu Besuch kommt. Dass der servierte Kuchen vegan ist, erwähn ich gar nicht. Warum auch? Rezept gibts auch bei Omnis erst auf Nachfrage. Und wenn meine Löffel nicht mehr reichen? Dann bin ich sicher nicht sauer auf mich, dass es dann doch das Fertigprodukt geworden ist. Wer hat denn was davon, wenn wir uns alle dumm und dusselig ackern? Vor allem wenn dieser „nachhaltige Lebensstil“ dazu führt, dass wir uns um die wirklich wichtigen Dinge gar nicht mehr kümmern können. Das massive Problem mit Rassismus und anderem rechten Gedankengut. Sich ständig reproduzierenden Sexismen. Umweltprobleme, die sich nur durch die globale Zusammenarbeit vieler Länder lösen lassen. Kriege. Um diese ganzen Dinge kann man sich auch hervorragend in seinem eigenen Kiez kümmern. Aber halt nicht wenn du mit deiner letzten Kraft noch versuchst den letzten Plastikschnipsel einzusparen.

Ja, echt, dein Vortrag zu sterbenden Robbenbabys durch Plastik oder dein Gammelfleischvortrag beim Grillen bewirkt höchstens das absolute Gegenteil. Wirklich. Und wahrscheinlich möchte dich niemand mehr beim Grillen dabei haben. Höflichkeit, Respekt und Wertschätzung anderen Menschen gegenüber könnte ja irgendwie wieder so ein Ding werden. Auf Nachfrage den Link zu der hübschen (nachhaltig produzierten) Salatschale zu versenden oder das Rezept für diesen großartigen (veganen) Dip, könnte vielleicht was ändern.

Versteht mich nicht falsch, ich kämpfe wirklich gerne, aber sich kaputt machen beim Ritt gegen Windmühlen, da sind wir doch alle echt ein bisschen zu klug für.

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