Vrouwel

Fake Lashes und Persönlichkeit

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Vielleicht habt ihr meinen Tweet zum Thema mitbekommen. Der Tweet, den ich da kommentiert habe, handelte von einer Frau mit Haarverlängerung/verdichtung (Extensions können so ziemlich alles sein) und künstlichen Fingernägeln die mit ihrer Freundin (die wohl eine Brust-OP hat machen lassen) darüber sprach, dass nur die inneren Werte zählen. 

 

Ich kommentierte das folgendermaßen:

So. Warum mit diesem leicht bissigen Unterton meinerseits? Im Ursprungstweet ist kein hämischer Kommentar zu finden. Aber ein Tonfall, den man relativ häufig zu Gesicht bekommt. Wisst ihr noch, als Ninia schrieb, wir sollten uns den Zopf zurückholen?

Sowas ähnliches haben wir hier auch. Ein bestimmtes Aussehen, hier die künstlichen Fingernägel und als künstlich gelesene Brüste, wird mit einer bestimmten Persönlichkeit oder Haltung verknüpft. In diesem Fall, ich formuliere mal ganz platt: Was weiß die oberflächliche Tussi schon von inneren Werten? Wahrscheinlich, wenn sie Wert darauf legt, ne ganze Menge. Vielleicht sogar mehr, als die als tiefsinnig wahrgenommene Ökohipster mit dem Soja-Latte, denn die Frau in dem Tweet hat sicherlich leider ne Menge Erfahrung damit, auf ihr Äußerliches reduziert zu werden. Und aufs Äußerliche, darauf reduzieren wir ja nun fast gewohnheitsmäßig, selbst wenn es gut gemeint ist, wie Corinne so schön am Beispiel einer Fernsehshow raus gearbeitet hat.

Jetzt darf man sich fragen, warum findet Vrouwelin das so scheiße, dass sie sogar noch einen Blogpost hinterher schiebt? Kann ich euch erklären. Das bezieht sich gar nicht mal nur auf den Tweet. Sondern auf eine Haltung, die mir in letzter Zeit in den sozialen Netzwerken, wie auch in meinem Alltagsleben immer mehr zum Hals raus hängt.

Natürlichkeit vs. Künstlichkeit 

Als Feminist*in rasiert eine sich natürlich nicht mehr die Beine, schminkt sich nicht mehr, trägt keine Miniröcke mehr und rebelliert so gegen das Patriarchat. Richtig?

Nein. Richtig ist, dass bestimmte Kleidung, Verhalten und dergleichen als sexuell verfügbar gelesen werden und als (aufgezwungenes) Schönheitsideal als weiblich, wie auch als männlich gelesene Personen prägen. Ob wir wollen oder nicht, was wir als schön empfinden, entscheiden wir erstmal nicht selbst, das bekommen wir anerzogen/ansozialisiert. Je nach Herkunftsmilieu in unterschiedlichen Schattierungen. Wir können uns davon emanzipieren, das ist richtig, aber erstmal ist das so. Wenn wir nun anfangen, bestimmte Kleidung als Unterdrückung durch das Patriarchat zu kennzeichnen, was tun wir dann? Richtig. Wir schränken die Handlungsoptionen von Frauen ein. Befreit haben wir da niemanden. Nur ein neues Ideal, an die Stelle des alten gesetzt. Dumm gelaufen.

Dieses neue Ideal verläuft, so nehme ich es zumindest wahr, häufig an einer Linie einer willkürlich zusammengereimten „Natürlichkeit“. Alles was als offensichtlich „künstlich“ gelesen wird, wird abgelehnt und mit Oberflächlichkeit in einen Topf geworfen. Und Unterdrückung, nicht vergessen. Natürlichkeit, das können sich meiner Meinung nach gerne diverse Öko-Faschos auf ihre Flachs-Fähnchen tuschen, aber als aufgeklärte Person dieses Jahrhunderts sollte man sich mit dem Konstrukt echt nicht mehr schmücken. Weil es einfach Blödsinn ist. Kaiserschnitte? Nicht natürlich. Unser Essen? Weit von Ursprünglichkeit entfernt. Euer sonnengeküsstes Blond? Ist immer noch ne Mischung aus Peroxid. Natürlicher Wimpernschwung? Wollt ihr wissen was in so einer Wimpernwelle drin ist? Und von Microblading und diversem anderen Kram fange ich mal gar nicht an. Alles nur, um „nude“ nicht allzu menschlich auszusehen.

Also natürlich ja, aber bitte nicht zu dolle, aber auch nicht zu künstlich. Durch den Regelkatalog steig mal eine durch. Fake Lashes sind billig, aber Drag Race gucken. Körper, verdammt nochmal, sind etwas, was Mensch selbst gehört. Und wenn eine Person daran Veränderungen vornehmen will, dann sollte das möglich sein. „Aber wenn Person X sich die Brüste machen lässt obwohl sie Feministin ist?“ Da kommen wir zum nächsten Punkt.

Auf die Fresse, immer wieder 

Das geht euch einen Scheiß an. Ja. Wirklich. Als Feministin geifernd über die angeblich antifeministischen Handlungen anderer herzufallen ist vor allem eins. Antifeministisch. So wie ihr euch nicht dafür rechtfertigen solltet, wenn ihr aufhört euch die Achseln zu rasieren, sollte sich keine dafür rechtfertigen müssen, dass sie etwas an sich ändert, was sie stört. Wenn das nun zufällig einer patriarchalen Phantasie von sexy entspricht? Habt ihr mit euer Kritik vor allem eins bewiesen: Dass ihr fließend Patriarchat sprecht. Glückwunsch. Wisst ihr wie man den Wunsch nach großen Brüsten auch lesen könnte? Als Sehnsucht nach Weiblichkeit. Bisschen erste Welle Feminismus, aber wäre denkbar. Und? Damit immer noch ein Problem?

Die unsägliche Abart, unsolidarisch auf anderen Frauen rumzuhacken, wird dem Feminismus als Bewegung nochmal das Genick brechen. Aber, hey, machen wir das feministische Bullshitbingo noch voll:

So viel Klasse wie eine marxistische Utopie

Der ist alt, ich weiß. Und trotzdem. Das Brandmarken eines Stils als oberflächlich ist zutiefst klassistisch. Ich steh auch nicht auf Neonfarben und Goldschmuck. Und trotzdem kann ich Personen mit diesen Accessoires eine emotionale Tiefe zugestehen. Weil, Überraschung, Reflexionsvermögen und die Fähigkeit zu Empathie und Emotionen hängen weder am Geldbeutel, noch an der Birkenstock-Latsche. Wär auch übel, weil die Adilette kommt ja wieder und wie soll man sich nun noch vom Pöbel abgrenzen? Distinktion ist ja mittlerweile echt Lebensaufgabe. Belastend, wie Christoph nun sagen würde.

Ich färbe meine Wimpern, meine ziemlich langen Haare, rasiere meine Beine, bin großflächlich tätowiert und es ist nicht ein Beauvoir-Zitat dabei. Ich kann Lidstriche ohne Absetzen ziehen, ich hatte schon Gelnägel (praktisch!), Fake Lashes (nicht so praktisch), bin ziemlich fixiert auf meine (ebenfalls gefärbten) Augenbrauen und schreibe meine Doktorarbeit über Gender und Migration. Scheiße, was ist sie jetzt?

Kann ich euch sagen, ein Mensch. Zieht an was ihr wollt, tragt Shorts wann ihr wollt, und genauso, färbt euch, rasiert euch, malt euch an was und wie immer ihr wollt! Wenn wir uns von dämlichen Gender-Stereotypen befreien wollen, wäre es mehr als tauglich, langsam mal damit aufzuhören, sie über Shaming ständig zu reproduzieren. Könnt ihr ja mal probieren.

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