Gastbeitrag – Nicht mal Lindner hat das verdient

Heute habe ich  seit langem mal wieder einen Gastbeitrag für euch. Denn wie es scheint, bin ich mit meiner Einstellung, mehr Höflichkeit und Respekt in die Debatten zu bringen, nicht alleine. Katharina Deppe hat Politikwissenschaft und Germanistik studiert. Wie sie selbst sagt, ist Politik der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben, nur League of Legends kam ansonsten mal nah dran. Wer also könnte sich den Wahlkampf-Fail der Grünen besser ansehen als sie? Viel Spaß beim Lesen.

„Wen interessieren schon Inhalte, wenn man so ein geiler Typ ist?“ fragte mich ein nachdenklich dreinblickender Christian Lindner von einem Schwarz-Weiß-Foto im FDP-Design in meinem Facebook-Newsfeed. Ich hielt kurz inne, war von der scheinbar grenzenlosen Selbstironie der Liberalen etwas irritiert, scrollte dann aber weiter. Etwas später erfuhr ich: War Satire. Ach so. Von den Grünen, meiner eigenen Partei. Wie bitte?

Im Vorwahlkampf sei Spaß doch noch erlaubt, dass es sich um Satire handle sei „völlig offensichtlich“ und außerdem wolle man – Gleichberechtigung! – ja auch noch die anderen Parteien „auf’s Korn nehmen“. Las ich da von Grünen Bundestagsabgeordneten, die die freiwillige Selbstverpflichtung zu fairem Wahlkampf und ihr Feingefühl wohl auch mal „auf’s Korn nehmen“ wollten. Der einzige Unterschied zum gefakten Schulz-Zitat der Jungen Union Bayern ist, dass man da nicht mal lachen konnte.

Nun bin ich ironischerweise selbst dem Idealismus erlegen, den ich bei einigen Parteifreund*innen sonst kritisiere. Nicht, dass es schlecht ist, Ideale zu haben. Im realpolitischen Tagesgeschäft verstellen sie einem nur leider manchmal die Sicht darauf, was mit Kompromissen machbar ist und was man erreicht, wenn man immer wieder dem Oppositionsreflex nachgibt – nämlich nichts.

Mein Ideal, dass man in der Politik mit gutem Beispiel vorangehen, das Gegenüber mit Respekt behandeln und fair bleiben sollte, hat in letzter Zeit ganz schön gelitten. #LindnerSprueche hat dem ganzen lediglich die Krone aufgesetzt.

Bei mir hat sich als jemand, der wohl bereits mehr parlamentarische Debatten verfolgt hat als der Durchschnitt, folgender Eindruck festgesetzt: Oberste Priorität ist es, die eigene Politik gut dastehen zu lassen. Natürlich. Selbst, wenn die anderen vielleicht auch gute Ansätze haben. Selbst, wenn der/die Kolleg*in aus der Opposition berechtigte Kritik übt. Selbst, wenn die eigene Errungenschaft vielleicht gar nicht so bahnbrechend ist, wie man es gerne hätte. Oder wie oft sehen Sie Politiker*innen wohlwollend nicken oder gar klatschen, wenn der politische Gegner spricht?

Es ist nicht so, als ob ich dieses Gebaren nicht nachvollziehen könnte. Der Druck wächst von allen Seiten: Globale Krisen, der Populismus, der Handlungsdruck in so vielen Feldern, und für all das nur so begrenzte Mittel. Sogar mein Lieblings-Podcast beschäftigte sich schon wieder mit dem Versagen der Demokratie.

Aber ist es da wirklich die beste Strategie, wenn sich unsere Politiker*innen aus purem Aktionismus, getrieben vom öffentlichen Druck und dem Bestreben, sich vom politischen Gegner abzusetzen, gegenseitig demontieren? Sich als unfähig und dilettantisch darstellen? Ist es wirklich so schwer geworden, dem Gegenüber ehrlich etwas zuzugestehen, dass fraktionsübergreifende Initiativen nur bei Themen möglich sind, gegen die man so wenig haben kann wie gegen Katzenbabys? Bis auf wenige Ausnahmen (Trump!) möchte ich behaupten, dass niemand, der sich freiwillig einen Job in der Politik antut, vollkommen unfähig ist. Nicht mal Christian Lindner.

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