Einmal mit allem fertig sein

Man ist niemals fertig. Ich wollte heute ein Buch lesen, ich könnte, ich habe heute meinen „HaushaltsOrgaKramArzttermineTag“ und bin _eigentlich_ mit allem durch. Nur Bloggen wollte ich noch. (Was ich tat und tue) 

Warum bin ich niemals fertig? Es ist ganz spannend, diese Fähigkeit, selbst in der größten Erschöpfung noch drei bis tausend Dinge zu erledigen, hat mir meinen sozialen Aufstieg ermöglicht. Und hält in der Welt meiner Eltern das System am laufen. Entspannen kann man halt, wenn alles fertig ist. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Leider musste ich feststellen, dass außerhalb meiner Herkunftswelt, Arbeit wie Sand ist. Sie rutscht nach. Man kann sich nie ausruhen, nie kommt das Vergnügen, denn Arbeit ist immer da. Und sie ist immer notwendig. Und sie hört nie auf.

Grad saß ich auf dem Sofa, den Haushalt fertig, den Einkauf geordert, die Ärzte wegorganisiert. Aber ich könnte ja noch… meine Tasche packen. Für morgen. Oder wenn ich heute Wäsche wasche, statt morgen Abend, kann ich morgen länger arbeiten. Ich hab ja grad Zeit.

Nein. Eigentlich hab ich grad keine Zeit. Ich möchte mein Buch lesen und was für mich machen, statt Aufgaben abzuarbeiten. Ich will auch nicht meine Tasche packen. Ich will lesen. Und doch bin ich so unruhig, dass meine Augen nicht auf den Buchstaben bleiben. Das hängt irgendwie auch mit dem Rheuma zusammen. Also, das macht mich jetzt nicht zu einer besonders nervösen Person, im Gegenteil. Es macht was anderes.

Es macht morgen eigentlich unplanbar. Kann ich den Rest der Woche denn mein Pensum leisten? Hab ich morgen noch die Löffel die Wäsche zu waschen? Oder bin ich so fertig, wie Samstag Abend, als die Energie nicht mehr zum Essen reichte? Gibt es morgen was Selbstgekochtes? Oder Knäckebrot direkt aus der Packung?

Der Einwand, eine Doktorarbeit sei da vielleicht nicht das richtige Arbeitsumfeld, ist völlig korrekt. Und ich mache es trotzdem. Denn so langsam lerne (und sehe ich), dass selbst den gesündesten, klügsten, ausgeglichensten und effizientesten Kolleg*innen ab und an mal die Hütte brennt. Häufiger sogar als mir. Ich muss gar nicht mit allem fertig werden. Ich muss eher noch besser werden, im Falle eines fulminanten Hüttenbrandes, die Farben der Flammen und die Wärme der brennenden Projekte zu schätzen. Mir ist eh immer kalt.

Ich gehe nun lesen.

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Ein Gedanke zu “Einmal mit allem fertig sein

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