Netflix ist die neue Oper?

Oder so ähnlich. Das jedenfalls war vor ein paar Wochen meine These, entschuldigt, dass ich den versprochenen Post erst jetzt nachreiche.

Meine steile These lautete:

Was redet Vrouwelin da schon wieder? Netflix kann  besser als Privatfernsehen, ok. Was haben die Leute die es gucken damit zu tun?

Erstmal in Sachen Geld*: 2016 setzte Netflix fast 9 Milliarden Dollar (ca. 8,6 Mrd. Euro) um. Bei 93 Mio. Nutzern weltweit. Deren Etat für eigene Serien liegt bei ungefähr 6 Mrd. Vergleich? BBC hat einen Etat von ungefähr 5 Mrd. Pfund ( ca. 5,4 Mrd Euro) und die öffentlich-rechtlichen bei uns ungefähr 9,1 Mrd. Euro (Ja, die BBC macht mit etwas über der Hälfte der Kohle richtig geiles Fernsehen und Radio. Wir nicht.)

Ok, Netflix kann also sowieso schon mal mehr Geld ausgeben. Zudem haben sie deutlich weniger Verpflichtungen. Die einzige Verpflichtung ist der Gewinn, heißt, was die Leute sehen wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Anders gesagt, sie müssen nicht Musikantenstadl und Tatort drehen. Sondern nur Game of Thrones. Das erlaubt natürlich eine ganz andere Qualität. Wenn denn die Nutzenden Qualität sehen wollen. Was mich zu „Opern“ bringt.

Trash gibt es überall und wer sich mal die Mühe macht, viele, viele Opern zu sehen: Alter, da ist eine Menge Scheiße bei. Aber!  Opern sind Hochkultur. Wir stecken super viel Geld da rein, ca. 2 Mrd. kostet das bundesweit jährlich. – wir halten es für förderungswürdig. (Deshalb sind Musicalkarten auch teuer als Opernkarten)

So. Warum fördern wir Opern und Theater, aber keine Comicbuchläden? Weil, das eine ist Hochkultur, das andere nicht. Entscheidend dabei ist, welches Milieu welche Formen der Kunst feiert. Und ja, Netflix ist auch Kunst. Filmkunst. Ja, genau wie die französischen Indiefilme in dem kleinen ranzigen Intellektuellenkino und genauso, wie Comics Literatur sind.

Wir sind wieder bei Bourdieu, bei legitimem Geschmack und bei Geld. Wer in unserer Gesellschaft was zu sagen hat, bestimmt was gut ist. Nun leben wir in Zeiten der Globalisierung und Dinge wie Netflix schwappen hier einfach so rüber, weil man damit Geld verdienen kann. So. Netflix ist cool. Und das findet, meiner steilen These nach, hauptsächlich die Gattung Person, die sich über Originalfassungen freut, Serien suchtet und eher kosmopolitisch eingestellt ist. Und natürlich die Nerds. Die Comicleserschaft. (Hier in D, in anderen Ländern sieht das wieder anders aus, aber da wird Twitter auch hauptsächlich von Intellektuellen bevölkert.) Diese Leute haben das Geld für ein Abo und sind bereit für das Nutzungserlebnis zu zahlen.

Warum macht das Netflix nun besser? Und zu neuen Oper? Wohlgemerkt, ich meine qualitativ besser. Und doch wird man eben jene finden, die sich für „was besseres“ halten, weil sie auf Netflix die Serien im englischsprachigen Original schauen. Die haben nicht nur zu viel Nietzsche gelesen, nein. Die sind auch, zumindest in der Logik der legitimen Kultur, leider im Recht.  Die Ansprüche der Nutzer*innen (und das ist eben nicht die Gesamtgesellschaft) sind meiner Meinung nach sehr hoch und ausdifferenziert. Das mag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch so sein, aber die sind nicht mit Netflix zu vergleichen, weil sie keine große Wahl haben. Am ehesten ist Netflix mit den privaten Sendern hier in D zu vergleichen. Und da sehen wir, Bewährtes, manchmal ein paar Hochs, aber im Großen und Ganzen nichts Neues und nichts Geiles. Es ist halt, nett. Nicht mehr. Privatfernsehen ist das Musical der Fernsehwelt. Eingängige Melodien, bekannte Geschichten, neu aufgegossen. Viel Spektakel. Aber nicht zu viel. Es darf nicht zu speziell werden. Dafür kann es dann jede/r schauen.

Netflix hingegen verfolgt meiner Meinung nach gar nicht das Ziel, von allen geschaut zu werden. Sondern von den coolen Leuten. Der neuen Bourgeoisie des Digitalzeitalters. Es bestimmen also auch gar nicht alle, was cool ist. Sondern nur die, die gefragt werden. Wie bei der Oper. Was Netflix erlaubt, all das was alle mögen, zu lassen. Und mit dem Geld derjenigen die als cool, finanzstark und so weiter gelten, nur geilen Scheiß zu machen.

Und natürlich, wer dazugehört, wird das Angebot von Netflix in der Gesamtheit besser finden als das Angebot von ProSiebenSat1. Vielleicht findet er oder sie dann noch etwas auf Arte. Oder zdfInfo. Gleiches Distinktionsmerkmal. Das bessere Fernsehen. Netflix qualitativ besser zu finden, ist legitim. Sie können es sein, weil manche sich damit auch besser fühlen.

Als Bourdieu die feinen Unterschiede schrieb, gab es nicht mal 3sat und arte. Und vor allem kein Netflix. Die Bürgerlichkeit grenzte sich noch über schöne Literatur und den Genuss von Hochkultur ab. Heute netflixt die Bürgerlichkeit und die Unterschicht schaut RTL. Und so wie ab und an der Pöbel in den heiligen Hallen der Opern gesichtet wird, guckt halt manche Bürgersperson auch ganz ironisch Dschungelcamp. Die Distinktionsgrenzen erschüttert sowas kaum.

*Ich spare mir aus Zeitgründen heute mal die Verlinkung von Daten, die man selbst googeln kann.

 

 

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