Viele Herzen in einem Vrouwel

Ich habe letzte Woche beim Tintenmeister Rückkehr nach Reims ausgelesen, während er mich schwarz bemalte. Das war auch echt wichtig, weil ich das Buch in einem Seminar behandeln will und dafür sollte ich es vorher schon mindestens einmal gelesen haben. Und wo sitzt man sonst schon zwangsweise um die sieben Stunden still? Also habe ich gearbeitet. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn es macht was mit mir. 

Wer sich interessiert, das Buch gibt es relativ gut in jeder Buchhandlung, es ist von Didier Eribon, in Frankreich wesentlich bekannter als hier, und handelt von seinem sozialen Aufstieg. Die aufmerksame Leserschaft hier ahnt es schon, es geht wieder mal um dieses Arbeiterkind sein. Die, die keinen Aufstieg selbst erlebt haben, könnten meinen, sie hätten ebenso hart arbeiten müssen, die die einen erlebt haben könnten meinen, es wäre alles ganz easy gewesen. Beide liegen (generalisiert) falsch, sagt die Soziologie. Das persönliche Empfinden kann natürlich so sein, aber es bildet nicht die empirische Realität ab. Aber lassen wir das. Genau um die persönliche Reflexion dieses Prozesses geht es nämlich im Buch. Wenn man den eigenen Werdegang nach weiter oben nämlich mal fachbezogen korrekt seziert, kommt ein Buch raus, wie Eribon es geschrieben hat.

Zwei Stellen hätten mich fast von der Tattooliege geworfen und ich will euch von ihnen erzählen. (Es waren noch mehr, aber da weiß ich noch nicht, ob ich das schon so in Worte fassen kann, dass ich es teilen kann)

„Widerstand hätte meine Niederlage bedeutet, Unterwerfung war meine Rettung.“

Eribon beschreibt hier seine Anpassung an das Gymnasium, in Sachen Geschmack, Haltung aber auch Mimik und Gestik. Es gibt einen, unter meinen Kommilitonen*innen immer wieder gern erzählten, Schwank aus meinem Bachelorstudium. M., seinerseits das, was man sich so unter einem sozialistisch bewegten Bonzenkrümel vorstellt, rief bei einem gemeinsamen Besuch des Weihnachtsmarktes laut in die Runde:

„Vrouwel! Was engagierst du dich eigentlich für Arbeiterkinder, du bist doch selbst so eine Bürgerliche!“

Stille. Dann schallendes Gelächter. Er hatte mich für eine von Seinen gehalten. Alle wussten, dass es nicht so ist, nur M. nicht. M. hatte in meiner lauten, selbstbewussten Art  eine bürgerliche Frau erkannt. Die, wie er, paternalistisch nach unten engagiert. Wie man das halt als Bonze mit Gewissen so tut. Die alte Geschichte, wenn die Arbeiter doch nur Marx lesen würden…

Ich spiele gut. Ich kann mich gut anpassen wenn ich muss. Und genau wie Eribon, wurde mir das in der Oberstufe des Dorfgymnasiums klar. Ich konnte eine von denen sein, oder eine von ihnen. Ich blieb allein und machte ein ziemlich gutes Abitur. Ich unterwarf mich den Gepflogenheiten, dem Geschmack. Im Studium machte ich das nicht anders. Man hört meine Kindheit unter roten Nelken, zwischen  AWO, IG Metall und SPD kaum noch. Wenn ich mich zu Hause fühle, dann hört man das raus. Wenn ich mit meinem Bruder rede oder mit meiner Schwester.

Ich bin angekommen, könnte man sagen. Doch ich bin weg von dem wo ich war und werde nie zu Hause sein, dort wo ich nun bin. Das sieht man meinem Lebenslauf nicht an. Mein Lebenslauf ist ab Studiumsbeginn fast der einer Bürgerlichen, die nichts zu fürchten hat. Die rebellieren darf, weil sie kann. Die es nicht nötig hat, dem Hype um Auslandsaufenthalte und Praktika hinterherzulaufen, die einfach engagiert an ihrer Karriere bastelt. Die dafür Preise und Stipendien bekommt.

Man sieht, dass Kinder aus unterprivilegierten Schichten selbst dann stets in Gefahr sind, falsche Entscheidungen zu treffen, wenn sie sehr gute Leistungen bringen, und dass sie deshalb die besten Chancen haben, die elitären Bildungswege, für die man sich nicht nur schulisch, sondern auch sozial qualifizieren muss, zu verfehlen.

Ich bin mit meiner Haltung, im überwältigenden Wust der Möglichkeiten, Forderungen und Notwendigkeiten, einfach nach meinem Interesse zu wählen, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten unverschämt gut gefahren. Mir machte das keine Angst, denn die Unsicherheit die ich heute auszuhalten habe, ist ein Dreck gegen die Unsicherheiten, die normal sind, da wo ich herkomme. Ich lasse mir aber Angst machen. Wenn ich für jedes Mal, dass mir jemand mit bitterer Stimme zuraunt, „Mal sehen wie lange du damit noch durchkommst“ oder „Lange wirst du dir das auch nicht mehr erlauben können“ – dann müsste ich keine Angst mehr haben, denn dann hätte ich wirklich ausgesorgt.

Natürlich sind wir immer dabei, die falschen Entscheidungen zu treffen. Wir wissen nicht was üblich ist, was man sich trauen kann, selbst wenn wir es wüssten, fehlte uns das soziale Kapital um es zu tun. Ich bin sozial nur mäßig qualifiziert um den Weg zu gehen, den ich so gern gehen würde. Stattdessen reibt es mich auf und ich überlege einfach nochmal zu studieren. Nach der Doktorarbeit.

Meine bürgerlichen Kolleg*innen, Supervisor*innen und Ausbildende in meinem Bereich sind teils wirklich entsetzt. „Aber du musst dich jetzt nur trauen, der Markt ist da, mach das!“ „Dir traue ich das zu, du hast dir so viel aufgebaut“ „Jemand wie dich brauchen wir in diesem Bereich“

Und was mache ich, denke an Ausstieg. Und mir wurde erst beim Lesen der obigen Zeilen bewusst, dass nicht ich heute an Ausstieg denke. Mein Past-Me denkt an Ausstieg. Es ist etwas Sicheres, Bodenständiges und etwas, was man problemlos erklären kann. Etwas von dem man denkt, es sei die Zukunft. (Witzigerweise ist mein jetziger Bereich ziemlich sicher „vor der Digitalisierung“) Und doch sehe ich viele Menschen in meinem Umfeld, in der Beratung und so weiter, die „etwas anständiges studiert haben“ und der Markt spuckt sie halt trotzdem aus. Beruflicher Erfolg ist halt wenig leistungsbezogen und mehr Zufall. Als Wissenschaftlerin weiß ich das, meine Herzen wissen das nicht.

In meiner Brust sind viel zu viele Herzen. Eins schlägt für die Freiheit, deshalb ging ich studieren. Eins wohnt immer noch in Werkshallen, Krankenhäusern und Altenpflegeheimen, Küchen und Supermärkten. Das riskiert nicht gern. Weil Risiko gleichbedeutend ist mit Untergang. Da sind noch ganz viele andere Herzen. Aber fraglich ist, ob sie überhaupt gehört werden. Denn der Markt fragt selten nach Herzen.

 

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