Sichtbar unsichtbare Menschen

Ich sitze im Büro und arbeite noch und eigentlich hätte ich noch ne Menge zu tun, aber ich kann grad nicht denken, so lange ich euch nicht von eben berichtet habe. Nämlich vom Verhältnis obdachloser Menschen zum Elfenbeinturm.

Eben kam eine Kollegin rein und informierte mich, dass gestern Abend ein verwahrlost aussehender Mann auf dem Flur angetroffen wurde und als eine andere Kollegin die Polizei rief, entfernt wurde, nachdem er zugab, hier gewesen zu sein, weil er gehört hatte, man könne hier gut schlafen, hier sei es warm.

Wir redeten noch kurz drüber, dass es ja grad kalt würde und sie wunderte sich, dass sie noch nie auf so jemanden gestoßen sei.

Deswegen will ich euch erzählen, wie das kommt.

Obdachlose Menschen, zumindest in Hannover, schlafen ganz gern in Uninähe im Park oder in der Universität selbst. Zwei wohnten zumindest zu meiner Zeit als Studentin quasi fest in der sozialwissenschaftlichen Bibliothek. Warum? Die Uni ist gut zugänglich und hier zumindest so verwinkelt, dass selbst Schieß&Schließ nicht alles abgehen kann. Deshalb haben wir alle Dienstausweise, wer keinen hat wird Nachts des Gebäudes verwiesen. (Was bedeutet, wenn man denn entdeckt wird.) Es ist warm, trocken und es gibt die ganze Nacht saubere Toiletten und fließend Wasser. Tagsüber ist das Essen günstiger als woanders und vor allem warme Getränke für wenig Geld zu bekommen.

Üblicherweise sind diese Menschen sowohl für die Universitätsangestellten als auch die Studierenden quasi unsichtbar, wenn man nicht grade Sozialwissenschaften studiert und die beiden Hansels quasi täglich grüßt. Sie werden sichtbar, wenn man versucht, sie zu vertreiben, wie Hunde, wie Unerwünschte. Weil ihnen kein Recht zugestanden wird, in den heiligen Hallen des Elfenbeinturms zu wandeln.

Genau das ist hier passiert, weshalb der Mann so früh anzutreffen war. Unser Teil des Turms bekam vor ein paar Wochen neue Schließzeiten. Die Türen unten öffnen sich nun nur noch bis 16 Uhr automatisch, danach nur mit Transponder. Die Zwischentüren schließen ebenfalls selbsttätig, um 18 Uhr. Meint folgendes: Man kommt vor 16 Uhr noch ungesehen ins Gebäude rein, nach 18 Uhr aber bis 7 Uhr morgens nicht wieder aus allen Teilen heraus. Menschen ohne festen Schlafplatz sind natürlich weder schlecht vernetzt, noch doof, sie kommen dann früher. Und sitzen bis 7 Uhr in der Falle, wenn sie sich den falschen Flur ausgesucht haben. Und erschrecken dann abends die Kolleginnen und morgens die Reinigungstrupps. Und so werden Unsichtbare dann manchmal sichtbar. Wo sie vorher niemanden störten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s